"Wir werden die Früchte der Revolution schützen"

Lina Ben Mhenni. Foto: Sarah Mersch (lifePR) (Tunis, ) Internet-Aktivisten haben maßgeblich am bisherigen Wandel in der arabischen Welt mitgewirkt, so auch an der Jasmin-Revolution in Tunesien. Wie hat sich seither die Situation der Medien im Land entwickelt? Können sie frei berichten und wie nutzen Journalisten die neue Freiheit? Sarah Mersch sprach darüber mit der Bloggerin Lina Ben Mhenni. Die 27-jährige Universitätsdozentin wurde für ihr mutiges publizistisches Engagement in ihrem Blog A Tunisian Girl mit dem Blog-Award The BOBs der Deutschen Welle ausgezeichnet.

Werden Medien und Journalisten angesichts der neuen Freiheit jetzt ihrer Aufgabe gerecht?

Auch wenn die Medien jetzt frei sind, habe ich den Eindruck, dass sich nichts Wesentliches verändert hat. Journalisten arbeiten immer noch auf die gleiche Art und Weise. Dieselben, die schon unter Ben Ali als Journalisten gearbeitet und Propaganda verbreitet haben, arbeiten so weiter wie zuvor, nur dass sie von ihren Vorgesetzten andere Anweisungen bekommen. Ihre Arbeitsweise ist dieselbe geblieben.

Sind international präsente Medien eine Alternative, zum Beispiel BBC, Al Dschasira und Deutsche Welle?

Ja, natürlich. Ich versuche, verschiedene internationale Sender zu schauen. Kurz nach dem Beginn der Revolution im Januar habe ich es auch mit tunesischen Sendern versucht, ich war sogar Gast in einigen Sendungen. Aber das interessiert mich wirklich nicht, denn es hat sich nichts geändert. Ich bevorzuge die Nachrichten der internationalen Sender über Tunesien, sie sind wesentlich glaubwürdiger, transparenter und neutraler.

War die tunesische Revolution Ihrer Meinung nach eine "Facebook-Revolution", wie so oft geschrieben wird?

Das Internet hat eine Rolle gespielt. Es hat die Entwicklung beschleunigt und es hat für die mediale Abdeckung des Themas gesorgt, als die traditionellen Medien sich nicht darum gekümmert haben. Es war zudem wichtig, um die Menschen zu mobilisieren, zum Beispiel für Demonstrationen. Aber es ist überzogen, von einer Internet-Revolution zu sprechen. Wenn es nur das Netz gegeben hätte, wären wir nie ans Ziel gelangt. Es gab Menschen, die ihr Leben verloren haben, Menschen, die verletzt wurden. Sie haben ungleich größere Opfer gebracht als wir Internet-Aktivisten.

Wie sehen Sie in diesem Kontext die Möglichkeiten von Social Media, Blogs und Bürgerjournalisten?

Wir haben inzwischen ein Problem, weil alle begriffen haben, welche Macht Soziale Netze und das Internet haben können. Das wird ausgenutzt. Es werden viele falsche Informationen verbreitet. Wir müssen sehr vorsichtig und aufmerksam sein, welchen Informationen und Quellen wir vertrauen.

Sie waren eine der wenigen, die sich seit langem offen und ohne ein Pseudonym zu benutzen gegen das System Ben Ali gestellt hatten. Spüren Sie eine Anerkennung für ihr Engagement?

Ich habe das nie um der Anerkennung willen getan, sondern für mein Land. Als ich angefangen habe zu schreiben, tat ich das, um mich auszudrücken. Das hat sich dann mehr und mehr zum Aktivismus, zum Cyber-Aktivismus hin entwickelt. Natürlich gibt es viele, die mich unterstützen, aber es gibt fast genauso viele, die mich beschimpfen.

Wie werden Sie persönlich weiterarbeiten?

Ich mache so weiter wie bisher. Wenn ich in Tunesien irgendwo hinfahren und berichten muss, weil dort etwas schief läuft, dann werde ich das tun, ohne zu zögern. Wenn ich eine politische Partei und ihre Positionen kritisieren will, werde ich das offen tun.

Haben Sie jetzt keine Angst mehr wegen ihres Engagements?

Natürlich hatte ich bis zum Umsturz im Januar Angst, wie es wohl jeder in dieser Situation gehabt hätte. Aber mir ist es angesichts der Ungerechtigkeiten hier gelungen, diese Angst zu besiegen. Das Leiden der anderen zu sehen hat mich dazu gebracht, meine eigene Angst zu vergessen. Jetzt allerdings ist es eher schlimmer. Früher war klar: Die Gefahr ging von Ben Ali und der politischen Polizei aus. Inzwischen ist nicht mehr klar, wer der Feind ist, die Gefahr kann aus allen Richtungen kommen. Das macht erneut Angst.

In Tunesien werden im Juli Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung abgehalten. Ist das Land auf einem guten Weg?

Es ist schwierig, die Situation jetzt schon zu beurteilen. Natürlich herrscht ein gewisses Chaos, was aber völlig normal ist, schließlich war es eine spontane Revolution. Niemand hatte im Vorfeld gezielt darüber nachgedacht, wie etwa die Übergangsregierung aussehen könnte. Nach den Wahlen ist, denke ich, der Moment gekommen, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Und ich bin optimistisch, denn die jungen Leute haben eine bedeutende Rolle gespielt. Und nun sind wir wachsam und werden versuchen, die Früchte der Revolution zu schützen.

Möchten Sie Lina Ben Mhenni kennenlernen? Kommen Sie ins World Conference Center in Bonn. Kostenlose Anmeldung vor Ort.

Alle Preisträger unter: www.thebobs.com
Wir freuen uns auf Sie!
Deutsche Welle Global Media Forum 20. bis 22. Juni 2011 in Bonn: www.dw-gmf.de

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