BARMER GEK Medizinkongress: Flexiblere Bedarfsplanung für Psychotherapeuten

(lifePR) (Berlin, ) Die BARMER GEK bemängelt Ungleichgewichte in der psychotherapeutischen Versorgung. "Wir brauchen weniger Psychotherapeuten in den Städten und mehr auf dem Land", so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Dr. Rolf-Ulrich Schlenker heute zum Auftakt des gemeinsam mit dem Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen ausgerichteten Medizinkongresses der BARMER GEK in Berlin. Schlenker verweist darauf, dass in Universitätsstädten wie Tübingen, Freiburg oder Göttingen das Bedarfssoll bis zu 300 Prozent, in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen bis zu 150 Prozent überschritten wird. Dagegen herrsche in ländlichen Gebieten und in Ostdeutschland ein Mangel an Spezialisten, insbesondere für Kinder und Jugendliche.

Noch immer orientiere sich die psychotherapeutische Bedarfsplanung an klassischen Vollzeitstellen und individuellen Langzeittherapien. Schlenker: "Hier müssen wir unbedingt flexibler werden. Kurzzeit- und Gruppentherapien sowie schnelle Kriseninterventionen sind oftmals weitaus geeigneter. So lassen sich Kapazitätsengpässe überbrücken und Wartezeiten verringern." Durchschnittlich vergehen noch immer drei Monate bis zum Erstgespräch mit dem Psychotherapeuten, weitere drei Monate bis Behandlungsbeginn. "Diese Verzögerung erschwert eine angemessene Therapie und verlängert die Fehlzeiten am Arbeitsplatz."

Der Medizinkongress der BARMER GEK widmet sich in diesem Jahr dem Thema "Mehr Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen!" Die Veranstaltung will einen Überblick zur Häufigkeit, Diagnostik und Therapie solcher Erkrankungen geben und neue Versorgungskonzepte vorstellen. Hochkarätige Experten schneiden zentrale Fragen an: Haben Depressionen wirklich zugenommen oder werden sie nur häufiger diagnostiziert? Leiden Männer oder Frauen mehr unter psychischen Erkrankungen? Spiegeln Abhängigkeitserkrankungen individuelle Probleme in unserer Gesellschaft?

Der Initiator des Kongresses, Professor Gerd Glaeske vom ZeS, unterstreicht die wachsende Bedeutung psychischer Erkrankungen: "Der Anteil der psychischen Erkrankungen an der gesamten Krankheitslast steigt kontinuierlich an. Dabei dominieren Depressions- und Abhängigkeitserkrankungen. Die Behandlung darf nicht auf rasche Arzneimittelverordnungen beschränkt bleiben, was wir brauchen, ist eine Verschränkung von Psycho- und Pharmakotherapie. Außerdem ist eine enge Kooperation zwischen verschiedenen Gesundheitsberufen unerlässlich." So könnten geschulte Praxisassistentinnen noch vor der ärztlichen Konsultation die Diagnostik unterstützen und eine erste Anamnese von Menschen mit Depression durchführen.

Hintergründe zum Thema

Aktuelle Versorgungsstudien der BARMER GEK dokumentieren, dass psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind:

- BARMER GEK Arztreport 2011: Der überwiegende Teil der psychischen Erkrankungen wird nicht im Krankenhaus, sondern ambulant behandelt. Nach Datenerhebungen im BARMER GEK Arztreport 2011 hat sich der Anteil der "Psychischen und Verhaltensstörungen" im ambulant-ärztlichen Bereich zwischen 2004 und 2009 von 27,6 auf 31,4 Prozent erhöht (bei Frauen sind es 36,7 Prozent, bei Männern 25,9 Prozent). Das betraf 2009 rund 25 Millionen Menschen (10 Millionen Männer; 15 Millionen Frauen).

- BARMER GEK Report Krankenhaus 2010: Nach Auswertungen der stationären Versichertendaten der BARMER GEK sind unter den fünf führenden Krankenhausdiagnosen in punkto Verweildauer allein vier Diagnosen psychischer Natur: 1. Rezidivierende depressive Störung (38,5 Tage pro Fall); 2. Schizophrenie (36,2 Tage pro Fall); 3. Depressive Episode (33, 2 Tage pro Fall); 5. Psychische und Verhaltensstörungen nach Alkohol (8,5 Tage pro Fall). Während die Behandlungszeiten im Krankenhaus zwischen 1990 und 2009 insgesamt um 42 Prozent zurückgegangen sind, zeigt sich bei den Krankenhausaufenthalten unter der Diagnose von psychischen Störungen ein gegenläufiger Trend: plus 53 Prozent.

- BARMER GEK Gesundheitsreport 2010: Psychische Erkrankungen sind für durchschnittlich 17 Prozent der krankheitsbedingten Fehlzeiten von Erwerbstätigen ursächlich. Bei der durchschnittlichen Erkrankungsdauer belegen sie nach den Krebserkrankungen Platz 2 mit durchschnittlich 40,2 Tagen. Außerdem sind psychische Erkrankungen für 32 Prozent der Frühverrentungen bei Männern und für 44 Prozent bei Frauen verantwortlich.

Dabei haben vor allem Depressionserkrankungen zugenommen:

- "Depressive Episode" grassiert: Diese ambulante Einzeldiagnose wurde bei rund zehn Prozent aller Versicherten (9,3 Prozent, 12,8 Prozent Frauen, 5,7 Prozent Männer) gestellt. In absoluten Zahlen: rund 2,3 Millionen Männer plus 5,3 Millionen Frauen mit depressiver Episode (7,6 Millionen) = knapp ein Drittel aller "Psychischen und Verhaltensstörungen" (25,4 Millionen).

- Depression ist eine Frauenkrankheit: Bei Frauen steigt der Diagnoseanteil der "Depressiven Episode" zwischen dem 30. und 54. Lebensjahr von 10 auf knapp 20 Prozent. Der Anteil mit einer Diagnose aus dem Kapitel Psychischen und Verhaltensstörungen liegt bei Frauen zwischen dem 45. und 90. Lebensjahr bei 39 bis 53 Prozent.

- Männer holen auf: Die ambulanten Diagnosen "Psychische und Verhaltensstörungen" steigen bei Frauen zwischen 2004 und 2009 von 34 auf 36,7 Prozent (plus 2,7 Prozent); bei Männern klettern sie im selben Zeitraum von 20,9 auf 25,9 Prozent (plus 5 Prozent). Die Steigerungsrate ist binnen sechs Jahren beinah doppelt so hoch.

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