Leerstehender Drogeriemarkt im Wollhaus beherbergt vom 8. -16. Juli eine "Wohnung für Heilbronn"

Theater Heilbronn geht in Phase III der "Wohnzeit": Zukunftsstadt für 130 Nationalitäten und alle sozialen Schichten
(lifePR) (Heilbronn, ) Ein außergewöhnliches Projekt des Theaters Heilbronn findet seinen abschließenden Höhepunkt: "Wohnzeit" geht vom 8. Juli bis 16. Juli in seine dritte Phase. Im leerstehenden ehemaligen Drogeriemarkt im Wollhaus (Am Wollhaus 1, erste Etage) wird am 8. Juli um 18 Uhr auf 600 Quadratmetern eine "Wohnung für Heilbronn" als Miniaturvision einer Zukunftsstadt für Menschen aus über 130 Nationen und aller sozialen Schichten eröffnet. Sie entsteht aus den Ergebnissen der ca. einjährigen Recherche des künstlerischen Leitungsteams der "Wohnzeit" Stefan Nolte und Oliver Gather In intensiven Beobachtungen und Gesprächen mit den unterschiedlichsten Einwohnern von Heilbronn, vom Villenbewohner in Heilbronn Ost bis zum Obdachlosen ergründeten sie das Lebensgefühl in der 120 000 Einwohner zählenden Stadt am Neckar. Und sie wollten herausfinden, wie die Menschen sich das Heilbronn der Zukunft vorstellen. 130 Nationalitäten sind hier zu Hause. Heilbronn gilt als eine Stadt, die sich wie kaum eine andere in den nächsten Jahren durch die Vielzahl der kulturellen Einflüsse verändern wird.

Dieser Fakt war der Anlass für das Theater Heilbronn, mit diesem Theaterprojekt aus dem angestammten Haus heraus zu gehen, um den Wandlungsprozess der Stadt in einer entscheidenden Phase künstlerisch zu begleiten und zu dokumentieren. "Wohnzeit" wird unter anderem von der Bundeskulturstiftung im Fonds Heimspiel, der Sparkasse Heilbronn-Franken, der Volksbank, der Schwarz-Stiftung und der Anna- und Paul Goebel-Stiftung gefördert. Nolte und Gather realisierten bereits verschiedene großformatige Recherche-Projekte mit lokalen Akteuren, Zeitzeugen und Schauspielern.

Bei "Wohnzeit" ist das individuelle Wohnen der Schlüssel für Oliver Gather und Stefan Nolte, um über die Geschichten der Menschen zur Seele dieser Stadt vorzudringen. Denn "Wohnen ist die Weise, in der ich mich überhaupt erst in der Welt befinde".(Heidegger). Wie wohnen die Menschen in dieser Stadt? Wie wünschen sie sich das Zusammenleben? Was lieben sie an Heilbronn? Was würden sie gern verändern?

Nach langen Vorrecherchen hatten sich Nolte und Gather für drei exemplarische Stadtteile entschieden, in denen sie mehr über das Wohnen der Menschen erfahren wollten: den in seiner sozialen Zusammensetzung sehr heterogenen Stadtteil Schanz, das mit dem Image des Armseins behaftete Viertel Unteres Industriegebiet/ Hawaii und Heilbronn Ost, das den Ruf als bestes und reichstes Wohnviertel hat.

In der "Wohnung für Heilbronn" im Wollhaus erhält jeder der Stadtteile ein eigenes Gästezimmer, das den speziellen Charakter des Viertels widerspiegeln wird. Schon jetzt sei verraten, dass die Klischees, die selbst viele Heilbronner mit den Stadtteilen verbinden, nicht mit den Erfahrungen, die Gather und Nolte dort sammelten, überein stimmen. Über Bewohner-Statements und Klanginstallationen können Besucher den Stadtteil noch intensiver kennen lernen. In diesen Zimmern gibt es auch die Möglichkeit, während der Wohnzeit zu übernachten. (Kosten 10 Euro pro Person für Übernachtung und Frühstück, Buchung im Theater unter Telf: 07131/ 563004 oder per Mail an kasse@theater-heilbronn.de )

Die "Wohnung für Heilbronn" beschreibt aber nicht nur den Ist-Zustand, sondern entwickelt eine Vorstellung, wie Heilbronn sich nach den Wünschen seiner Bewohner entwickeln soll. Eine Vision wird dort direkt umgesetzt: mit dem riesigen behaglich eingerichteten Wohnzimmer samt Wohnküche - hier können sich die Unterschiede zwischen den Stadteilen begegnen, hier wird gekocht, gegessen, musiziert und diskutiert. Einwohner beteiligen sich an der Gestaltung der Räumlichkeiten und nutzen sie für eigene Bewohneraktivitäten, zu denen das Künstlerteam sie aufgefordert hat. An drei Abenden wird hier zu Tischgesprächen etwa über die Kulturen in Heilbronn, das multikulturell sehr unterschiedliche Altern und das Leben an den sozialen Rändern der Stadt eingeladen. Dabei erzählen Experten an drei verschiedenen Tischen jeweils von einem Aspekts des Themas. Die Besucher wechseln im Laufe des Abends die Tische und haben am Ende drei verschiedene Perspektiven des Themas kennen gelernt. Am letzten Abend gibt es eine großen Abschlussveranstaltung zum Thema: Heilbronn- eine Stadt für alle? mit einer abschließenden Party. Zukunftsmusik wird, wie sollte es anders sein, im Kinderzimmer gemacht. Dies ist ein Erkundungsplatz für alle Besucher der Wohnzeit, die sich an einen Stadtumbau nach eigenen Wünschen und Vorstellungen machen. Dafür wird ein 4x6 Meter großes Stadtumbaupodest gebaut, auf dem man die Stadt nach Herzenslust umgestalten kann. Im Kinderzimmer steht auch ein Video-Booth, eine Kamera-Box, in der man seine Botschaften und Wünsche für die Stadt hinterlassen kann und die täglich aktualisiert im wohnzeit-tv im Wohnzimmer gezeigt werden.

Täglich gibt es an den Nachmittagen und Abenden Hausgeisterführungen durch die Wohnungen mit den beiden Schauspielern Cosima Greeven und Felix Jeiter. Die Texte der beiden sind aus den Interviews und Gesprächen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der drei Stadtteile entstanden.

Rückblick: Heimatlabor und Stadtteilporträts - die ersten beiden Phasen der Wohnzeit im April und Mai 2011

Vor rund einem Jahr begannen Oliver Gather und Stefan Nolte die Stadt zu erkunden. Sie entschieden sich schließlich für drei charakteristische, aber sehr gegensätzliche Stadtteile, in die sie im April 2011 mit einem kleinen behaglichen "Heimatlabor" zogen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Das war die Schanz im Stadtteil Böckingen, eine Großwohnsiedlung, in der Einfamilienhäuser neben Reihenhäuschen und Hochhäusern mit kleinen Wohnungen stehen und wo neben alteingesessenen Heilbronnern viele Menschen aus ehemaligen Ostblockstaaten leben - zum Teil schon seit Jahrzehnten. Auf der Schanz gab es bis in die 90er Jahre hinein das größte Übergangswohnheim für Asylbewerber in Deutschland und nach dem Krieg das größte Kriegsgefangenenlager in der amerikanischen Besatzungszone. Beides hat den Stadtteil geprägt. Eine russischsprechende junge Frau hat Nolte und Gather bei ihren Interviews unterstützt.

Im nächsten Stadtteil, dem Hawaii war es eine türkisch sprechende Muslima, die half, den beiden Künstlern Tür und Tor zu öffnen. Das Heimatlabor stand direkt am Industrieplatz, gegenüber die griechisch-orthodoxe Kirche, die mal evangelisch war, gleich dahinter das Minarett der Moschee. Das Hawaii hat in Heilbronn das Image einer No-Go-Area. Doch bei näherem Hinsehen hielt das Klischee nicht stand. Die Menschen empfingen das Künstlerteam offen und herzlich und luden sie in ihre Welt ein. Sie sind stolz auf ihr Leben und stehen zu ihrem Stadtteil. Anders als in der Schanz ist der Kampf um eine lebenswerte Umgebung aber spürbarer: Ein Kampf gegen Lärm, Dreck und Ausgrenzung.

Die Gespräche im Hawaii und am unteren Wartberg waren Reisen in sehr unterschiedliche Welten: Zu Ureinwohnern aus Heilbronn und zu den aus der Türkei, dem Irak, aus Syrien, Griechenland, Italien und Rumänien Zugezogenen; zu Grenzformen des Wohnens in Asylbewerberheim, Obdachlosenheim, Mehrgenerationenhaus und Wohnwagen.

Der Umzug vom Hawaii in die Villengegend von Heilbronn Ost beschreiben Gather und Nolte wie eine Reise zwischen zwei Kontinenten. Doch so verschieden die Stadtteile sind, so sehr sind sie miteinander verknüpft: Der Osten ist traditionell der Wohnort der Fabrikanten, die das Industriegebiet für ihre Produktion nutzen oder dort in früheren Generationen Reichtum erwirtschaftet haben. Andererseits sind dort auch die Familien aus dem Industriegebiet wieder zu treffen. Sie besuchen den Pfühlpark, weil es in ihrem Wohnviertel kaum Grünflächen und Spielplätze gibt. Oft ging es in den Gesprächen mit den Bewohnern von Heilbronn Ost um die Selbstverwirklichung durch die persönliche Gestaltung des eigenen Hauses und Grundstücks, die Überalterung des Stadtteils, die Angst vor Verdichtung des Viertels durch Neubebauung ehemaliger großer Grundstücke, den durch hohen Arbeitseinsatz und / oder Erbe "ehrlich erworbenen" Reichtum, das Engagement in Charity-Clubs, politischen oder sozialen Netzwerken, die Anonymität und Abschottung im Viertel, das Glück, auf der Sonnenseite des Lebens zu wohnen, prestigeträchtige Nachbarn, die skeptisch verfolgte Zuwanderung durch Vermögende anderer Nationalitäten.

In der zweiten Phase des Projektes Wohnzeit wurden die Ergebnisse der Recherchephase in einer viel besuchten Ausstellung im Theater präsentiert. Seit dem 25. Mai und noch bis zum 17.07. sind die Stadtteilporträts zu sehen, in der die Ergebnisse der Gespräche visualisiert und hörbar gemacht wurden.

Stefan Nolte (Jahrgang 1965) ist Regisseur und Autor. Neben seiner Arbeit an zahlreichen Theatern (u.a. Dresden, Stuttgart und Freiburg) hat er verschiedene großformatige Projekte mit Laien, Zeitzeugen und Chören realisiert. Große Beachtung fanden seine Parzival-Bearbeitung der Gral­sucher auf dem ehemaligen V2-Forschungsgelände in Peenemünde und zuletzt sein Stück "Heimat unter der Erde"zur Einwanderung in den Bergbau, das er am Theater Dortmund herausbrachte.

Oliver Gather (Jahrgang 1963) arbei­tet seit seinem Bild­hauereistudium in Düsseldorf als freier Künstler und Büh­nen­bildner. Phänomene des städtischen Raums und das Auslösen kommunikativer Situa­tionen stehen im Mittelpunkt seines Werks. Zuletzt realisierte er nomadcitypassage, einen durch urbane Land­schaften ziehenden Zeltplatz als Trilogie in den Städten Düsseldorf, Linz und Köln.

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Silke Zschäckel
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