Beschäftigte bei der Innenstadtentwicklung nicht vernachlässigen

(lifePR) (Bremen, ) Bremen will seine Innenstadt attraktiver gestalten. Die Debatte um mögliche Maßnahmen, die zu einer Aufwertung der City beitragen würden, ist dabei der vermeintlich niedrige Anteil an Einzelhandelsflächen, den die Bremer Innenstadt im Vergleich zu anderen Städten aufweist. Nur 16 Prozent der Bremer Ladenflächen befinden sich in der City, in anderen Städten liegt dieser Wert bei etwa 21 Prozent. Dieser "Rückstand" soll jetzt nachgeholt werden - und zwar durch den Bau eines großen Einkaufszentrums im Ansgariviertel. Hier sollen 30.000 Quadratmeter Verkaufsfläche zusätzlich entstehen. Welche Folgen eine derart umfangreiche Ausweitung des Einzelhandelsangebots für die Beschäftigten haben kann, wird in dieser Diskussion außer Acht gelassen.

Bremen verfügt bereits über großes Einzelhandelsangebot

Bremen verfügt trotz des relativ niedrigen Verkaufsflächenanteils in der Innenstadt keineswegs über ein zu geringes Einzelhandelsangebot. Im Gegenteil: Bezogen auf die Einwohner liegt Bremen mit 1,6 Quadratmetern sogar über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 1,4 Quadratmetern pro Einwohner. "Der verhältnismäßig niedrige Verkaufsflächenanteil der Innenstadt kommt nicht deshalb zustande, weil das Angebot insgesamt zu niedrig ist, sondern es ist schlicht anders verteilt", argumentiert Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen. Hier ist ein überdurchschnittlich großes Einzelhandelsangebot an der Peripherie angesiedelt - eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren auch gezielt von der Politik forciert wurde, unter anderem durch die Eröffnung der Waterfront.

Hoher Anteil von Niedriglöhnen

Gerade der Einzelhandel ist eine Branche, deren Entwicklung schon seit Jahren von einem ruinösen Wettbewerb geprägt wird. Zunehmend werden existenzsichernde Vollzeitarbeitsplätze durch Teilzeit- oder Minijobs ersetzt, also durch Beschäftigungsverhältnisse, die aufgrund des ohnehin äußerst niedrigen Lohnniveaus kein existenzsicherndes Einkommen bereitstellen. Auch die Zahl der Betriebe, die aus dem Tarifvertrag aussteigen, weil sie sich andernfalls dem Wettbewerbsdruck nicht gewachsen sehen, nimmt zu. Bereits jetzt arbeitet fast jeder zweite Beschäftigte in dieser Branche zu einem Niedriglohn. Hier sind damit doppelt so viele Niedriglohnempfänger angesiedelt wie im Bundesdurchschnitt.

Besonders Frauen von Niedriglöhnen betroffen

Dabei sind besonders Frauen vom Lohndumping betroffen: Jede zehnte Bremerin arbeitet in dieser Branche, aber nur ein Drittel dieser Frauen können auch von ihrem Einkommen leben. Ein Drittel der weiblichen Einzelhandelsbeschäftigten arbeitet sogar auf 400-Euro-Basis. In den vergangenen Jahren hat gerade die Zahl der Minijobs deutlich zugenommen, während die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung um 17 Prozent zurück ging. Der Einzelhandel im Land Bremen weist mittlerweile im Vergleich zu den anderen Bundesländern eine der niedrigsten Anteile an Vollzeitstellen auf und wird nur noch von Sachsen-Anhalt unterboten.

Politik muss Einflussmöglichkeit behalten

Eine Verschärfung des Wettbewerbs in der Innenstadt durch eine massive Ausweitung an Verkaufsflächen birgt die Gefahr, dass sich die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel weiter verschlechtern. Dies gilt umso mehr, wenn diese Ausweitung in Bereichen stattfindet, in denen Bremen bereits über ein gutes Angebot verfügt. Wird das Gebiet im Ansgariviertel in die Hände eines Investors gegeben, verliert die Politik jegliche Einflussmöglichkeiten auf die konzeptionelle Ausgestaltung und die Angebotsstruktur.

Innenstadt beleben

Dass Politik und Wirtschaft an einer Attraktivitätssteigerung der Innenstadt arbeiten, ist aus Sicht der Arbeitnehmerkammer zu begrüßen. Allerdings darf sich die Diskussion nicht ausschließlich auf eine Ausweitung des Einzelhandelsangebots beschränken. Insgesamt sind hier etwa 3.800 Betriebe mit etwa 58.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten aus unterschiedlichen Branchen angesiedelt. Weniger als zehn Prozent dieser Beschäftigten sind im Einzelhandel tätig. Der Stadtteil bietet damit eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, seine zentrale Funktion zu stärken. Denkbar und wünschenswert wäre, ihn auch in den Abendstunden zu beleben, indem beispielsweise das Kulturangebot erweitert wird oder durch verbesserte Wohnangebote.

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Nathalie Sander
Leiterin Öffentlichkeitsarbeit
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