Schuldig oder nicht schuldig - das Publikum entscheidet

Ferdinand von Schirachs "Terror" kommt ins Große Haus
Ferdinand Seebacher / Fotograf: Thomas Braun (lifePR) (Heilbronn, ) Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten?  Um nichts Geringeres geht es in DEM Stück der Saison: Ferdinand von Schirachs „Terror“, das im ersten Jahr nach seiner Uraufführung an 47 Bühnen von Berlin bis Wien, von Kopenhagen bis Venezuela zu sehen ist und damit als derzeit meistgespieltes deutschsprachiges Stück gilt. Allein die beeindruckende Aufführungsstatistik zeigt, dass es sich mit „Terror“ um das Stück der Stunde handelt. In Heilbronn hat es am 7. Oktober in der Inszenierung von Intendant Axel Vornam im Großen Haus Premiere.

Ferdinand von Schirach, renommierter Strafverteidiger und seit 2009 Jahren auch überaus erfolgreicher Autor, trifft mit seinem Bühnenerstling den Nerv der Zeit und der Zuschauer. Schirach macht sich die theatrale Dimension von Gerichtsverhandlungen zu nutze. In seinem Essay „Die Würde des Menschen ist antastbar“ (2014) schreibt er, dass der Gerichtssaal letztlich eine Bühne sei. „Der Unterschied ist, dass die Tat im Gericht nicht nachgespielt wird, sie wird in Sprache übersetzt. Aber immer ist der Prozess auch ein Theaterstück.“ Im Fall von „Terror“ eines, dem er Zuschauer nicht nur zusieht, sondern in dem er aufgefordert ist, in dem spannenden Diskurs über Recht und Gerechtigkeit selbst Position zu beziehen und in einem heiklen Fall ein Urteil zu fällen.      

Zum Inhalt

Dem Luftwaffenoffizier Major Lars Koch, 31 Jahre alt, wird zur Last gelegt, am 21. Mai 2013 mit Hilfe eines Luft-Luft-Lenkkörpergeschosses ein Passagierflugzeug A 320, das von Berlin nach München unterwegs war, abgeschossen und alle darin befindlichen 164 Menschen getötet zu haben. Dieses Flugzeug war von Terroristen mit der Absicht, die Maschine in der Münchener Allianz-Arena abstürzen zu lassen, entführt worden. Im Stadion lief gerade das Länderspiel Deutschland gegen England, dem 70 000 Menschen zuschauten. Wenige Minuten bevor es zum drohenden Absturz kam, hat sich Lars Koch als Befehlshaber der Alarmrotte, die in Entführungsfällen zum Einsatz kommt und sich so dicht wie möglich den gekaperten Flugzeugen nähert, entschieden, die Lufthansa-Maschine abzuschießen. Um das Leben von 70 000 Menschen zu schützen, mussten 164 sterben. Damit handelte er gegen den ausdrücklichen Befehl des Bundesverteidigungsministers, der in solchen Ausnahmefällen die oberste Befehlsgewalt hat.
Hinterher wurde er sofort verhaftet, saß sieben Monate in Untersuchungshaft. Jetzt steht er vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft beantragt, ihn wegen 164-fachen Mordes zu verurteilen. Denn ein Mensch dürfe sich nicht zum Richter über Leben und Tod erheben. Die Verteidigung möchte seinen Freispruch, weil sich Lars Koch mit dem Abschuss der Maschine und der damit einhergehenden Tötung von 164 unschuldigen Menschen für das kleinere Übel entschieden hatte, denn sonst wären mit großer Wahrscheinlichkeit 70 000 unschuldige Menschen gestorben.

Die Verfassung verbietet ein Handeln, wie es Lars Koch an den Tag legte. Darf man sich aber in bestimmten Extremsituationen über das Gesetz stellen? Dieser Theaterabend ist die Gerichtsverhandlung, in der in einem spannenden Verfahren alles Für und Wider diskutiert wird. Die Zuschauer sind die Schöffen, die am Ende entscheiden: Schuld- oder Freispruch?

Pure Ästhetik

Regisseur Axel Vornam und Ausstatterin Ulrike Melnik haben sich für die pure Ästhetik eines stilisierten Gerichtssaals entschieden. Nichts soll von der Debatte auf der Bühne ablenken und die Zuschauer in die eine oder andere Richtung lenken. Jede Figur des Stückes soll die Gelegenheit bekommen, sich argumentativ durchzusetzen um am Ende wirklich dem Publikum die freie Entscheidung zu überlassen. Das Stück hat zwei Schlüsse – einen im Falle eines Schuldspruchs, der andere kommt beim Freispruch zur Aufführung. 

Glaube an den „gelassenen Geist der Verfassung“

Schirach hat das Stück geschrieben, bevor die Terroranschläge in Paris, Brüssel und Nizza (wieder einmal) bewiesen haben, wie nahe wir solchen Extremsituationen sind. Der Verteidiger in dem Stück sagt: „Es gibt diese Fälle, in denen Handeln geboten ist. Natürlich sind sie so furchterregend, dass sie uns selbst in Frage stellen. Aber zu glauben, dass es sie nicht gibt, weil es sie nicht geben darf, das ist nicht nur naiv, das ist gefährlich.“

Und der Autor selbst meint: „ Es wird weitere Anschläge geben, weitere Morde, weiteren Schmerz. Es wird schlimmer werden. Aber ich glaube an den gelassenen Geist unserer Verfassung, an ihre souveräne Toleranz und ihr freundliches Menschenbild. Es gibt keine Alternativen, wenn wir als freie Menschen überleben wollen.“

Premiere am 7. Oktober 2016, 19.30 Uhr, Großes Haus
Terror
Schauspiel von Ferdinand von Schirach
Regie: Axel Vornam
Ausstattung: Ulrike Melnik
Dramaturgie: Andreas Frane

Mit: Stefan Eichberg (Vorsitzender Richter), Stella Goritzki (Zeugin Franziska Meiser), Gabriel Kemmether (Verteidiger Biegler), Sebastian Kreutz (Zeuge Oberstleutnant Christian Lauterbach), Ferdinand Seebacher (Angeklagter Major Koch), Sabine Unger (Staatsanwältin Nelson)

die nächsten Vorstellungstermine: 14.10.; 19.10.; 19.10.; 28.10.; 08.11.; 16.11.; 27.11. (15 Uhr!); 08.12.; 14.12.; 16.12.; 27.12. – jeweils um 19.30 Uhr mit Ausnahme des 27.11.

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Silke Zschäckel
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