Adventistische Weltkirchenleitung beschließt Verfahren zur Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten

Auszählung der Stimmzettel © Foto: Brent Hardinge / ANN (lifePR) (Silver Spring, Maryland/USA, ) Am 11. Oktober haben die Delegierten der Jahressitzung des Exekutivausschusses der Weltkirchenleitung (General Conference Executive Committee) der Siebenten-Tags-Adventisten in geheimer Wahl mit einem Stimmenverhältnis von 169 zu 122 das Dokument „Einheit in der Mission: Verfahren zur Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten“ („Unity in Mission: Procedures in Church Reconciliation“) beschlossen. Es enthält ein zweistufiges Vorgehen mit Kirchenleitungen, die Beschlüsse der Weltkirche nicht beachten, um sie dadurch in Übereinstimmung zu bringen.

Zweistufiges Vorgehen bei Zuwiderhandlung in kirchlichen Angelegenheiten

Das dem Exekutivausschuss der adventistischen Weltkirchenleitung am 11. Oktober zur Beschlussfassung vorgelegte dreiseitige Dokument „Einheit in der Mission:  Verfahren zur Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten“, sieht ein zweistufiges Vorgehen gegenüber Kirchenleitungen vor, die Beschlüsse der Weltkirche nicht einhalten. In einem ersten Schritt sollen während eines Jahres verschiedene Konsultationen unter Gebet auf unterschiedlichen Ebenen der Kirche geführt werden. Mittels eines Pastoralbriefs sollen diese Kirchenleitungen dringend gebeten werden, die Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Weltkirche wiederherzustellen.

Sofern die Angelegenheit damit nicht geklärt werden kann und Glaubens-überzeugungen (Fundamental Beliefs) sowie Beschlüsse oder Richtlinien der Weltkirche betroffen sind, soll laut der nordamerikanischen Kirchenzeitschrift „Adventist Review“ die zweite Stufe eingeleitet werden. Die „verfahrensrechtlichen Schritte“ („procedural steps“) im Rahmen der zweiten Phase sollen durch die Weltkirchenleitung (General Conference Administrative Committee) erarbeitet und dem Exekutivausschuss bei seiner Sitzung im Jahr 2017 zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden.

Zusammenhang mit Frauenordinationsfrage verneint

Michael Ryan, Assistent des Präsidenten der adventistischen Weltkirchenleitung (Generalkonferenz), der an der Erarbeitung des „Einheits“-Dokuments beteiligt war, hat laut „Adventist Review“ in der Einführung zu den mehr als  zweistündigen Beratungen im Plenum einen Zusammenhang des Dokuments mit der Frage der Frauenordination zum Pastorendienst  zurückgewiesen. „Bei diesem Dokument geht es nicht um Frauenordination, [obwohl] sie sicher eine der Bewährungsproben darstellen wird“, sagte Ryan. Es gehe vielmehr darum, sicherzustellen, dass alle Kirchenleitungen die Beschlüsse der Weltkirche befolgten.

Am 8. Juli 2015 hatten es die rund 2.300 Delegierten der adventistischen Weltsynode (Generalkonferenz-Vollversammlung) in San Antonio, Texas/USA, als oberstes Gremium der Freikirche mit rund 40 zu 60 Prozent abgelehnt, den weltweit dreizehn teilkontinentalen Kirchenleitungen (Divisionen) die Erlaubnis zu erteilen, adventistische Pastorinnen in ihrem Verwaltungsgebiet zum Pastorendienst zu ordinieren. Dennoch sind im Gebiet einiger weniger überregionaler Kirchenleitungen (Unionen/Verbände) ordinierte Pastorinnen tätig. Frauen können laut den Richtlinien der Weltkirchenleitung (Generalkonferenz) nach ihrem Theologiestudium in der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten zwar als Pastorin „gesegnet” werden und damit fast alle Amtshandlungen, wie Taufe, Abendmahl, Trauung und Beerdigung, vornehmen; doch ordiniert werden nur männliche Geistliche. Damit ist Pastorinnen grundsätzlich auch das Amt des Präsidenten („Vorsteher“) einer regionalen oder überregionalen Freikirchenleitung verwehrt, das eine Ordination erfordert.

Kontroverse Diskussionsbeiträge

Die fast dreistündige Diskussion wurde von rund 1.200 Zuschauern online mitverfolgt. In den meisten der 50 Diskussionsbeiträge, die auf zwei Minuten Redezeit begrenzt waren, wurden vorwiegend von Delegierten aus westlich geprägten Staaten Bedenken zum vorgelegten Papier geäußert. Es wurde die kurze Frist bemängelt, mit der das Dokument eingebracht wurde und mehr Bedenk- sowie Beratungszeit gewünscht. Einige sorgten sich um die Bandbreite möglicher Themenbereiche, die betroffen sein könnten. Andere sahen im Dokument einen inhaltlichen Zusammenhang mit den Beschlüssen der Weltsynode zur Frauenordination oder befürchteten, dass es eher spaltend als einigend wirken werde. Delegierte aus Lateinamerika, Afrika und Asien, wo die meisten Adventisten leben, beteiligten sich kaum an der Diskussion.

Jiří Moskala, Dekan der adventistischen Andrews University, Berrien Springs, Michigan/USA, äußerte sein Unbehagen, dass im Dokument Glaubensüberzeugungen auf die gleiche Ebene wie Beschlüsse und Richtlinien der Kirche gestellt werden. Er forderte zusätzliche theologische Studien über das Verhältnis von zentralen Glaubensüberzeugungen und kirchlichen Beschlüssen.

Thomas Muller, Kirchenleiter in Dänemark, kritisierte ebenso das Vermischen der beiden Ebenen und forderte die Delegierten auf, das vorliegende Papier abzulehnen. Dabei stellte er klar: „Keiner von uns will rebellisch sein!“

Reidar Kvinge, Kirchenleiter in Norwegen, nahm die Aussage von Thomas Muller auf und ergänzte, dass Gewissensanliegen wichtiger seien. Die Kirchenleitung in Norwegen habe die Weltkirchenleitung während mehr als einem Jahr um Hilfe in der Frauenordinationsfrage gebeten, diese aber nicht wie gewünscht erhalten. „Wir haben der Generalkonferenz eine Lösung angeboten, aber keine Antwort erhalten“, so Kvinge.

In den wenigen Diskussionsbeiträgen, die das Dokument unterstützten, wurde hervorgehoben, dass es bei dem Papier nicht um die Frage der Frauenordination gehe, sondern ausschließlich darum, dass Kirchenleitungen in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Weltkirche sein müssten.

Beschluss der Weltsynode zur Frauenordination − zuwiderhandelnde Kirchenleitungen

Nach dem Beschluss der Weltsynode 2015 (Generalkonferenz-Vollversammlung) haben folgende überregionale Kirchenleitungen (Unionen/Verbände) diesen Beschluss kritisiert und ihre abweichende Sichtweise dargestellt, aber ohne diesbezüglich abweichende Beschlüsse zu fassen: Frankreich/Belgien, Italien, Tschechien/Slowakei.

Die Kirchenleitungen in Norwegen und Schweden haben alternative Beschlüsse gefasst und werden keine Pastoren mehr ordinieren. Dänemark wird nur noch die Bezeichnung „Pastor/Pastorin“ verwenden ohne weiter bezüglich „gesegnet“ oder „ordiniert“ zu unterscheiden.

In Deutschland gibt es im Bereich des Süddeutschen Verbands (SDV) keine veränderte Beschlusslage, sodass die bisherige Praxis weitergeführt wird und ausschließlich Männer als Pastoren für den weltweiten Dienst ordiniert werden. Die überregionale Kirchenleitung in Nord- und Ostdeutschland, der Norddeutsche Verband (NDV), hat in einer Stellungnahme zur Ordination von Frauen zum Dienst als Pastorin beschlossen, dass die bisherige Form der Segnung von Pastorinnen im Norddeutschen Verband in gleicher Weise auch den männlichen Kollegen zugesprochen werde. „Ordination“ wird im NDV nicht wie bisher als weltweit gültige Einsegnung verstanden, sondern als „Beauftragung“ und sei künftig auf das Gebiet der beiden deutschen Kirchenleitungen des Nord- und Süddeutschen Verbands beschränkt. Zukünftig im NDV durchgeführte Beauftragungen könnten demnach in der Kirche der Adventisten keine weltweite Geltung mehr beanspruchen.

Die Kirchenleitung in den Niederlanden ließ verlauten, dass sie weiterhin zu ihrem gefassten Beschluss stehe, sowohl Männer als auch Frauen zum Pastorendienst zu ordinieren.

In den USA haben neun Theologieprofessoren der renommierten adventistischen Andrews-Universität in Berrien Springs, Michigan, die auch ordinierte Pastoren waren, als Reaktion auf den ablehnenden Beschluss der Weltsynode ihre Ordinationsurkunden zurückgegeben. Im Gebiet der überregionalen Kirchenleitungen der Columbia Union Conference (CUC) im Osten und der Pacific Union Conference (PUC) im Westen der USA wurden bereits vor der Generalkonferenz-Vollversammlung von 2015 Frauen als Pastorinnen ordiniert. Diese Ordinationen wurden bisher nicht zurückgenommen.

Dokument „Eine Studie zu Kirchenführung und Einheit“

Basis des Dokuments „Einheit in der Mission: Verfahren zur Schlichtung kirchlicher Angelegenheiten“ und des darin vorgeschlagenen zweistufigen Interventions-verfahrens gegenüber Kirchenleitungen, die nicht mit Beschlüssen oder Richtlinien der Weltkirche übereinstimmen, ist die am 25. September vom Sekretariat der Weltkirchenleitung veröffentlichte „Studie zu Kirchenführung und Einheit“ / „A Study of Church Governance and Unity“ (Version vom 25. September 2016):

https://de.scribd.com/document/325748427/A-Study-of-Church-Governance-and-Unity 

Stellungnahme der Theologischen Fakultät der Andrews University

In einer ersten Stellungnahme haben am 30. September laut der Zeitschrift „Spectrum“ der Vereinigung adventistischer Foren Mitglieder der Fakultät des Theologischen Seminars der adventistischen Andrews Universität, Berrien Springs, Michigan/USA, die Weltkirchenleitung aufgefordert, in einen umfassenderen Dialog bezüglich der 50-seitigen „Einheits“-Studie, die am 25. September publiziert wurde, einzutreten. Die Theologen kritisieren darin die im Dokument dargestellte Sicht des Wesens und der Autorität der Kirche. Ähnliche Stellungnahmen gaben auch Mitglieder der Theologischen Fakultät der Walla Walla University, College Place, Washington/USA, und der School of Religion der Loma Linda University, Loma Linda, Kalifornien/USA, ab:

http://spectrummagazine.org/article/2016/10/03/andrews-seminary-general-conference-further-discussion-unity-document-needed

Adventistische Kirchenleitung in Norwegen kritisiert Studie

Am 4. Oktober hat die adventistische Kirchenleitung in Norwegen auf die 50-seitige „Studie zu Kirchenführung und Einheit“ reagiert. Das Dokument enthalte eine Reihe von Schwachstellen und könne damit über der Frage der Gleichheit von Frauen im Pastorendienst zur Spaltung der Kirche beitragen. Der Versuch, überregionale Kirchenleitungen (Unionen/Verbände) zu Übereinstimmung mit den Richtlinien der Weltkirchenleitung zu zwingen, könne unkontrollierbare und unvorhersehbare Entwicklungen auslösen. Es gebe eine vereinfachende Grundannahme in der Studie, so die adventistische Kirchenleitung in Norwegen, wonach Einheit ausschließlich dadurch zu erreichen sei, dass abweichende Kirchenleitungen auf die Linie der Weltkirchenleitung einschwenkten.

Überregionale Kirchenleitungen (Unionen/Verbände), die Frauen ordiniert oder Ordinationen für Männer und Frauen gleichermaßen ausgesetzt hätten, handelten aus der Überzeugung, dass die Bibel dazu auffordere, Frauen und Männer gleich zu behandeln. Diese Entscheidungen basierten demnach nicht auf Richtlinien, sondern auf ethischen und geistlichen Überlegungen.

Die Stellungnahme der adventistischen Kirchenleitung in Norwegen im Internet:
http://www.adventist.no/Media/Adventist/Images/2016/September-2016/A-response-to-A-Study-of-Church-Governance-and-Unity

Das offizielle Dokument, das am 11. Oktober den 315 Delegierten der Jahressitzung des Exekutivausschusses der adventistischen Weltkirchenleitung (General Conference Executive Committee) zur Beschlussfassung vorgelegt wurde, UNITY IN MISSION: PROCEDURES IN CHURCH RECONCILIATION, kann bei
http://www.adventistreview.org/assets/public/news/2016-10/114G_Unity_in_Mission--Procedures_in_Church_Reconciliation-2.pdf heruntergeladen werden.

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Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland / Süddeutscher Verband KdöR
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