Bindung, Bildung und Zukunftssicherung - Was Wirtschaft und Gesellschaft zusammenhält

(lifePR) (Sankt Augustin, ) Der Zusammenhalt der Gesellschaft spielt bei den Jamaika-Gesprächen offenbar thematisch eine Rolle, jedenfalls reden einige Teilnehmer davon als Ziel künftiger Zusammenarbeit im „Projekt Jamaika“. Es ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede von Familie. Aber die Voraussetzungen, von denen der Staat lebt und die er selber nicht schaffen kann, entstehen in der Familie. Deshalb wird, folgt man der wissenschaftlichen Literatur, „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ auch als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt. Es sei eine Leistung, schrieb der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde (Priorität für die Familie, 16). Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Verantwortungswille, Empathie – all diese sozial relevanten Fähigkeiten sind Teil des „solidarischen Verhaltens“ und zum Beispiel für die Integration von Migranten von erheblicher Bedeutung. Empathie, das Mitfühlen und Sich-hinein-Versetzen in eine andere Person, das Offensein für andere ist eine persönliche Fähigkeit. Der Staat kann infrastrukturell oder beim Aufbau von  Lehrstrukturen einiges tun, die persönlichen Voraussetzungen kann er nicht schaffen. Sie sind es aber, die einer gemeinsamen Zukunft Gestalt geben. Die Bedeutung familiärer und partnerschaftlicher Bindung sowie die hierauf aufbauende Bildung des Einzelnen wirken sich so maßgeblich auf die Zukunftssicherung der Gesellschaft im Ganzen aus.

Das gilt auch für die Wirtschaft. Die Veränderung der wirtschaftlichen Prägung unseres Landes ist im vollen Gang. Zeichnete sich die Wirtschaft nach dem Krieg durch die Entfaltung eines breiten Spektrums an produzierenden, überwiegend mittelständischen Unternehmen aus, so steht heute in Zweifel, ob sich dieser Zustand erreichter Stabilität aufrecht erhalten lässt. Zunächst: Stabilität und Produktionskraft hängen von der Innovationsfähigkeit ab. Diese wiederum ist eine Frage der Bildung. Für die Hirnforschung aber ist seit Jahren klar: Bindung geht der Bildung voraus, gute Bindung fördert nicht nur die Synapsenbildung, sondern auch die Bildung allgemein.

Sodann: An Bedeutung gewinnen zunehmend die Globalisierung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie die zunehmend kritischer gesehene Steigerung des Exportüberschusses der Bundesrepublik. Während der Exportüberschuss einerseits durch die Industrialisierung bisher vorwiegend agrarisch geprägter Staaten unter Druck gerät, wächst gleichzeitig der politische Widerstand gegenüber dem „Exportweltmeister“ in und außerhalb der EU. Für ein Land ohne nennenswerte Bodenschätze bieten sich in dieser Situation Ausbau und Weiterentwicklung der Infrastruktur- und Dienstleistungssektoren an. Auch hierfür braucht es Innovationsfähigkeit und die Fähigkeit zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten. Deutschland wird die Servicewüste in blühende Landschaften verwandeln müssen. Geht das ohne Förderung der Familie als Quelle zur Erzeugung solidarischen Verhaltens?

Schließlich: Soll im Zuge der Globalisierung die Dominanz anderer Staaten unter der Führung der USA zurückgedrängt werden, bedarf es eines Zuwachses neuer Gedanken und Ideen sowie deren Umsetzung in der Breite. Von wachsender Bedeutung könnte sich in diesem Zusammenhang die Förderung von Startups erweisen, die ohne Rücksicht auf bestehende firmeninterne Vorgaben und Restriktionen an neuen Lösungen arbeiten. Als durchaus zukunftsfähig erscheint hierbei die Bildung von Teams aus unterschiedlichen Altersgruppen. Die Lebens- und Berufserfahrung wirkt als Korrektiv in einem Verbund von auf ein gemeinsames Ziel ausgerichteten Gedankengebern und entwickelt damit eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Naturgemäß kann dies nur auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung funktionieren. Als aktuelle Beispiele zur Anwendung dieser Fähigkeiten kommen etwa die Entwicklung der Drohnentechnik oder der E-Mobilität in Frage. Auch könnten sie im sozialen Bereich der Förderung der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen dienen. Gerade hier sollte sich die stärkere Einbeziehung betriebserfahrener Kräfte als vorteilhaft erweisen.  Die genannten Beispiele belegen zudem, dass die Entwicklung von Bindung und Bildung keinen auf Kindheit oder Jugend des Menschen begrenzten Aspekt darstellt. Man könnte zusammenfassend sagen: Die Teamfähigkeit oder die soziale Kompetenz erweisen sich zunehmend als entscheidende Faktoren für Innovation, Produktion und Globalisierungsresilienz.

In der Wirtschaftswissenschaft sind diese Faktoren und Voraussetzungen für Zusammenhalt, Verhalten des einzelnen und Produktivität der Gesellschaft erst seit wenigen Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Der in Chicago lehrende Richard Thaler bekam dieses Jahr den Wirtschaftsnobelpreis für die Erforschung solcher Zusammenhänge, er gilt als Pionier der „behavioral Economics“, der Verhaltensökonomie. Auch der neoliberale Ökonom Gary Becker, ebenfalls Chicago, bekam seinen Nobelpreis 1994, weil er den Faktor Familie in Form des Human Capital untersucht und erforscht hat. Auf einem Kongress in Berlin sagte Becker 2002: „Das grundlegende Humanvermögen wird in der Familie geschaffen, die Schule kann die Familie dabei nicht ersetzen“ (vgl. Christian Leipert, Hrsg,  Demographie und Wohlstand, 2003). Unter Humanvermögen verstand er die grundlegenden Fähigkeiten des Menschen: Das Lernen-Können, das Miteinander-Umgehen-Können, Gefühle erkennen und einordnen können, Ausdauer haben, nach Lösungen suchen statt zu jammern, Vertrauen schenken ohne naiv zu sein, Sprachbewußtsein,  Bindungsfähigkeit, solidarisch sein, Alltagsprobleme meistern - es ist die soziale Kompetenz und die Fähigkeit emotionale Intelligenz zu steuern. Das ist weit mehr als faktisches Wissen.

Das ist doch nur eine Frage der Wertevermittlung, könnte man sagen. Und können Werte nicht auch in der Arbeitswelt, in der Gesellschaft durch professionelle Erzieher den Kindern vermittelt werden? Nein. Denn die Gesellschaft ist im Vergleich zur Familie ein Kollektiv ohne Gesichter. Sie ist namenlose Sachgemeinschaft, sie erzeugt weder Liebe noch Solidarität, sie lebt aber von ihr. Als Sachgemeinschaft ist die Gesellschaft auch dem Wandel der Arbeitswelt unterworfen. Vor 40 Jahren noch, so der amerikanische Soziologe Fitzhugh Dodson, „bereiteten die Väter ihre Söhne auf ein Leben als Erwachsene vor, das dem ihren sehr ähnlich war. Unsere Kultur aber ändert sich mit solch einer Geschwindigkeit, daß dies nicht mehr möglich ist. Man weiß, daß von hundert Kindern, die heute auf einem Schulhof spielen, fünfzig Berufe ausüben werden, die heute noch gar nicht existieren. Die Väter können diese ihre Kinder also gar nicht auf ein Leben wie sie es führen vorbereiten. Der Wandel der Gesellschaft geht zu schnell voran.“ Konstant aber bleibt die persönliche Beziehung. Für sie zählt nicht, was der andere hat - Geld, Güter, Ideen -, sondern was er ist: Vater, Sohn, Mutter, Tochter, Freund - alles Menschen, Gesichter mit Namen. Für sie lebt man Solidarität.

Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Verantwortung – alles Tugenden, wovon Gesellschaft, Staat und Wirtschaft leben. Fürsorge, Emotionen, Liebe – es geht nicht um Gefühlsduselei. Hirn-und Bindungsforschung lehren uns, dass die Emotionen nach einem Wort des Entwicklungspsychologen und Kinderarztes Stanley Greenspandie „Architekten des Gehirns“ sind, dass sie das Wachstum des Gehirns beim Baby beflügeln, dass emotionale Stabilität die Bildung neuronaler Verschaltungen fördert. Wenn das Kind sich angenommen und sicher fühlt, wird es später eher in der Lage sein, diese selbsterlebte Annahme in Offenheit für das Fremde zu wandeln, es wird Empathie empfinden. Das gilt nicht nur für die Beziehung zu Personen, sondern auch zu Gegenständen, zu Verhältnissen, zur Welt. Aus Emotionen entstehen Gedanken, aus Gedanken Ideen, aus Ideen Innovationen. Die Quelle ist die Familie. Benedikt XVI. formulierte den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Familie bündig so: „Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung“ (Jesus von Nazareth I, 153). Das gilt auch und gerade in der globalisierten, pluralistischen Welt. Denn Familien schaffen nicht nur einen wirtschaftlichen Mehrwert, sie erneuern ständig die Grundlagen des Gemeinwesens.

 

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