"Entscheidend ist, was zwischen den Menschen passiert"

Fachtag zum Thema "Autismus neu verstehen": Begegnung mit einer anderen Kultur
Schulleiter Holger Arnold lud das Publikum zum Fachtag ein / Foto: Gaby Richter (lifePR) (Lauterbach, ) „Das autistische Kind liebt Rhythmus, ihm fehlen innere Bilder, also sucht es die im Äußeren. Der Anblick von Rhythmus führt zu einem guten Gefühl.“ Klaus Kokemoor stoppt das Video: Zu sehen ist ein Junge im Kindergartenalter, er liegt auf dem Boden und hat Waggons aneinandergereiht. „Für ihn soll der Zug nirgendwo hinfahren, es gibt keine Geschichte dazu, Niklas freut sich einfach an der Reihe Wagen und die sollen bei ihm bleiben.“ Der Referent ist Diplom-Sozialpädagoge und arbeitet seit 17 Jahren mit autistischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, seit 2000 in der Ambulanz für autistische Kinder Hannover.

Mit zahlreichen Videoaufnahmen aus dem Umgang mit autistischen Kindern in Tagesstätten oder aus eigenen Therapiestunden macht er deutlich, worauf es grundsätzlich ankomme: Die Interaktion, das Aufeinander-Bezugnehmen und In-Beziehung-Kommen. „Autismus neu verstehen – Begegnung mit einer anderen Kultur“ lautet der Titel des aktuellen Buches von Klaus Kokemoor. Zugleich war es der Titel des Fachtages, den die Fachschule für Sozialwesen, Fachrichtung Sozialpädagogik an der Vogelsbergschule Lauterbach in Kooperation mit der Fachstelle für Kindertageseinrichtungen im Jugendamt und dem Haus am Kirschberg ausgerichtet hatte.

Schulleiter Holger Arnold und Fachbereichsleiterin Marion Göhler begrüßten viele Schülerinnen und Schüler der Sozialassistenz, Erzieherinnen und Erzieher sowie zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis in der vollbesetzten Sparkassenaula in Lauterbach. „Wie soll man sich eigentlich ausdrücken? Sagt man autistisches Kind oder Kind mit einer autistischen Störung?“ – Es gehe beides und es gebe beides, wurde im Laufe der Veranstaltung klar.

„Das autistische Kind konstruiert sich in seinem besonderen Verhalten eine eigene Vorstellung von der Wirklichkeit. Für seine Eltern ist diese eigentümliche Auseinandersetzung mit der Welt eine hohe Belastung, da es dem Kind aus seinem Erleben heraus schwer fällt, mit anderen zu kooperieren. Es ist häufig wie eine Begegnung mit einer anderen Kultur“, sagt der Fachmann. Hinzu komme beim frühkindlichen Autismus oft noch die Sprachlosigkeit, was die Kontaktaufnahme zusätzlich erschwere.

Kritisch sieht er die Tatsache, dass eine Diagnose oft erst im Alter von drei bis fünf Jahren gestellt werde – „die fehlende Fähigkeit zur Beziehungsaufnahme wäre schon sehr viel früher zu erkennen“, sagt Kokemoor. In seinem Vortrag vermittelt Kokemoor die besonderen Denk- und Verhaltensweisen und gab anschauliche Tipps für pädagogische Handlungsmöglichkeiten, die das autistische Kind in seinem individuellen Reifungsprozess unterstützen.

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