Existenzielle Entscheidungen, die Sixtinische Madonna in Cotta und Szenen einer Ehe – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

4 preisgesenkte E-Books (lifePR) (Pinnow, ) Kennen Sie Cotta? Und Richard Hamilton? Oder Piet Himp? Oder Kurt und Katja Berger? Oder Björn-Eyvind, den künftigen Weltmeister im Skilaufen? Nein? Das ist aber nicht so schlimm, denn Ihr bisheriges Nicht-Kennen können Sie mit den fünf Deals der Woche ausgleichen, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de eine Woche lang (Freitag, 12.01.18 – Freitag, 19.01.18) zu jeweils stark reduzierten Preisen zu haben sind. Während es sich bei den Namen zwei bis fünf – also Richard Hamilton und Piet Himp, Kurt und Katja Berger sowie Björn-Eyvind um die von Menschen handelt, gehört Cotta einem Dorf. Das aber ist, wie Claus Göbel zu berichten weiß, kein gewöhnliches Dorf, sondern ein berühmtes sächsisches Dorf. Und in diesem Cotta war einige Zeit auch eine der vielleicht schönsten Frauen der Welt zu Gast – allerdings eher unfreiwillig. Und fast wäre es sogar schiefgegangen und sie hätte ihren Besuch dort nicht - überlebt. Mehr dazu in dem Drei-Deutschland-Buch von Claus Göbel.

Auch in den anderen vier aktuellen Angeboten geht es durchaus spannend zu. So macht Walter Kaufmann in seinen Storys unter anderem mit einem gewissen Humphrey Humphreys bekannt, der wohl ein gewisses Talent zum Schreiben von Kurzgeschichten hat. Aber ob ihm das was nützt? Helma Heymann erzählt unter anderem ein Windmühlenmärchen und vom schnell wechselnden Ost- und Westwind. Ulrich Völkel schickt Kurt und Katja Berger auf einen gemeinsamen Urlaub nach Hiddensee. Aber dort passiert etwas ziemlich Unerwartetes. Und Björn-Eyvind, der nach Auskunft von Wolf Spillner einmal Weltmeister im Skilaufen werden will oder vielleicht doch lieber Tierforscher, der begegnet auf dem Dach von Skandinavien einem Riesen – dem Riesen von Storvalen. Und jetzt müssen Sie sich nur noch entscheiden, mit welchem Deal der Woche Sie beginnen wollen …

Erstmals 1964 erschien im Rostocker Hinstorff Verlag „Die Erschaffung des Richard Hamilton“ – eine Sammlung von Storys von Walter Kaufmann: Es dauert meist ein bisschen, ehe man beim Lesen dieser Storys begreift, in welchen schwierigen Entscheidungssituationen sich die Figuren befinden und wie es ihnen dennoch gelingt, sich zu behaupten: „Als er im Fahrstuhl hinunterfuhr, zerriss er den Scheck in kleine Stücke und stopfte sie in seinen Schuh. Leicht hinkend, schritt er durch die Eingangshalle und verließ das Gebäude. Draußen spielte das kleine Mädchen auf dem Rasen, „Was hast du denn in unserem Haus getan?“, fragte sie. Jenkins lächelte und fuhr ihr durch das Haar. „Bei jemandem die Miete kassiert, nichts weiter, mein Kind“, sagte er. Da sah er, dass sich ein Bus der Haltestelle in der Macleay Street näherte, und eilte davon.“ Und hier der Anfang der Titelgeschichte, die damit anfängt, dass jemand einen merkwürdigen Namen hat und darunter leidet. Aber nicht nur darunter:

Die Erschaftung des Richard Hamilton
Wenn Ihnen jemand sagte, sein Name sei Humphrey Humphreys (das heißt so viel wie Buckel Buckel), würden Sie sicher lachen und glauben, er mache einen Witz. Nun, ich mache keinen Witz. Ich heiße wirklich so. Und ich bin überzeugt, meine Mutter hat mich absichtlich so genannt - die bloße Zusammenstellung dieser beiden Namen muss auf alle Menschen lächerlich wirken; wahrscheinlich hoffte sie, mich auf diese Weise für immer von sich abhängig zu machen. Als ich noch klein war, hatte ich, wie Sie sich wohl denken können, sehr unter meinem Namen zu leiden - Kinder sind grausam. Meist wurde ich Hump gerufen, und den Sternen sei Dank, dass ich wenigstens keinen Buckel habe, immer war ich einer der Kleinsten, das ist schon schlimm genug. Und kurzsichtig bin ich obendrein: seit meinem sechsten Lebensjahr trage ich eine Brille, was mich besonders beim Sport nicht wenig behinderte.

Als ich mit vierzehn aus der Schule kam, wusste ich nicht, was ich werden sollte. Ich zog von einer Lehrstelle zur anderen, versuchte es mit den verschiedensten Arbeiten – verlangen Sie nicht, dass ich sie alle aufzähle. Ich möchte mich auf die jüngste Vergangenheit beschränken, auf zwei Jahre nach meiner Entlassung aus der Commercial Bank of Australasia. (Das war in der Nachkriegskrise, wissen Sie.) Ich arbeitete als Kontrolleur in den Docks, als Schreiber bei einem Buchmacher, als Kassierer auf einem Rummelplatz, sogar als Vertreter von Staubsaugern. Dann wollte ich mich als Buchhalter und Reklamechef einem Wanderzirkus anschließen (diese Arbeit hätte mir sehr gelegen, glaube ich), aber da wurde meine Mutter halsstarrig, Auf einmal war ich ihr unentbehrlich. Sollte sie ihr Leben vielleicht in einem Siechenheim beschließen? fragte sie. Sie habe doch niemanden außer mir. Das ist schon wahr, mein Vater starb, als ich erst zehn war - wir lebten seitdem hauptsächlich von seiner Pension -, und meine Schwester hat nach Neusüdwales geheiratet. Ebenso wahr ist jedoch, dass meine Mutter eine ziemlich robuste alte Dame ist und meine Hilfe eigentlich niemals gebraucht hat. Der springende Punkt ist vielmehr, dass sie einfach jemand haben muss, um den sie sich kümmern kann. Deswegen wird sie niemals zulassen, dass ich mich von ihr unabhängig mache. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht verheiratet bin - es gibt noch andere, auf die ich gleich zu sprechen komme. Für meine Mutter werde ich nie ein erwachsener Mann sein - ich bin jetzt siebenundzwanzig Jahre alt! -, sondern stets ihr kleiner Humphrey, verflucht sei dieser Name!

Nachdem ich auf die Stellung beim Zirkus verzichtet hatte, blieb ich ein paar Wochen zu Hause, um Kurzgeschichten zu schreiben. Dazu habe ich ein gewisses Talent. Einige meiner Arbeiten sind sogar in der Zeitung erschienen - unter dem Namen Richard Hamilton. Sie können sich nicht vorstellen, was das für mich bedeutete. Ich meine nicht das Geld, wirklich nicht - bei den vielen amerikanischen Storys, die über Agenturen in Melbourne herauskommen, springt für einen einheimischen Autor nicht viel heraus. Aber es erfüllte mich mit großer Genugtuung, meine Geschichten unter diesem Namen gedruckt zu sehen. Richard Hamilton! Das war ein Name, mit dem ein Mann der Welt entgegentreten konnte!

Als Richard Hamilton lernte ich auch Miss Jenny Brennan kennen, eine Englischlehrerin am Institut für Erwachsenenbildung. Sie hatte an die Zeitung geschrieben, die meine erste Geschichte veröffentlichte - nicht etwa, um mich zu loben, sondern um mich zu einer Überarbeitung zu veranlassen. Der Chefredakteur hatte mir das mitgeteilt, und daraufhin besuchte ich über ein Jahr lang ihre Abendkurse. Der Tag, an dem ich all meinen Mut zusammennahm und um Miss Brennans Hand anhielt (meiner Mutter hatte ich nichts von meiner Absicht gesagt, und als ich es ihr später gestand, war sie eine Woche unausstehlich), war auch der Tag, an dem ich mich zu meinem wirklichen Namen bekennen musste. Miss Brennan lächelte zwar über die ungewöhnliche Namensverbindung Humphrey Humphreys, doch ich muss ehrlich zugeben, dass dies nicht der Grund ihrer Ablehnung war - meine Abhängigkeit von der Mutter und meine Unentschlossenheit im Leben bewogen sie zu ihrem Nein.

„Wenn Sie nur die Berufung fühlen!", sagte sie mir mehr als einmal. „Auf welche Weise Sie Ihr Ziel erreichen, ist gleich.“ Damit meinte sie, dass ich das Schreiben von Geschichten als meine eigentliche Aufgabe betrachten und anderen Arbeiten lediglich nachgehen sollte, um Stoff und Erfahrungen zu sammeln. Ich verstand sie sehr gut, brachte aber nie das Selbstvertrauen auf, ihren Rat zu befolgen.

Zu meiner Rechtfertigung schreibe ich jetzt diesen autobiografischen Bericht wahrheitsgetreu bis ins letzte Detail. Und wenn es wirklich stimmt, dass die wesentliche Voraussetzung für die Veröffentlichung einer Geschichte ihre Wahrhaftigkeit ist, dann müsste diese gedruckt werden. Auf jeden Fall ist das, was ich erlebt habe, die Mühe des Aufzeichnens wert.“

Das folgende E-Book präsentiert gleich drei Kinderbücher aus dem Verlag Junge Welt Berlin von Helma Heymann: Erstmals 1988 wurde das Märchen über den Magnetismus „Arepo und die schöne Tuberose“ veröffentlicht, 1990 das Windmühlenmärchen „Piet Himp und der Geselle Wind“ und 1992 die Tiergeschichte „Borstel und die Feldlerche“:Piet Himp ärgert sich, dass der Wind so oft aus einer anderen Richtung bläst. Denn dann muss er vom obersten Stockwerk seiner Mühle nach unten eilen und am Sterz die gesamte Mühle nach dem Wind drehen. Es muss doch möglich sein, dass der Wind immer in eine Richtung bläst. Der Müller freundet sich mit dem Wind an und isst jeden Abend mit dem Wind knusprige Bratkartoffeln. Alles läuft zu seiner Zufriedenheit, bis der Wind auf ein großes Sandkorn beißt. Der Bootsbauer Arepo wohnt und arbeitet in der Nähe des Meeres. Eines Tages spült eine große Welle sein gesamtes Werkzeug in das Meer. Weil er ohne Werkzeug keine Boote bauen kann, fährt er mit einem großen Magneten übers Meer, um das Werkzeug einzusammeln. Schließlich findet er alles auf einem riesigen Magnetberg, der von der Rosthexe bewacht wird. Auch die schöne Tuberose befindet sich in der Gewalt der Hexe. Die Feldlerche baut sich in einem Getreidefeld ein Nest und brütet dreimal in dem Jahr Junge aus. Das stört die zänkische Feldmaus gewaltig und sie will die Lerche mit allen Mitteln vertreiben. Der Igel Borstel beschützt die jungen Lerchen und findet auch andere Tiere des Feldes als Helfer. Doch dann rattert ein riesiger Mähdrescher auf das Feld. Aber lernen wir als erstes den Windmüller Piet Himp kennen und das, was die Leute im Dorf über ihn denken. Das steht gleich im 1. Kapitel des Windmühlenmärchens „Piet Himp und der Geselle Wind“:

„Im Norden, wo das Land meist flach ist, das Meer nahe und der Himmel unendlich weit, steht auf einer Anhöhe die Windmühle des Windmüllers Piet Himp. Der Mühlenberg ist die einzige Anhöhe in der Gegend. An seiner Südseite rankt ein wilder Rosenbusch. An seinem westlichen Hang steht ein üppiger Vogelbeerbaum. Im Herbst trägt er feuerrote Beeren. Rund um den Berg erstrecken sich Kornfelder und Wiesen. Ein Weg schlängelt sich hindurch, er führt in das nächste Dorf. Auf dem Mühlenberg sollen in früheren Zeiten wunderliche Dinge geschehen sein, und seltsame Gestalten wurden gesehen, erzählen sich die Dorfbewohner. Und sie erzählen gerne ...

Müller, munkeln sie, die diese Mühle vormals besaßen, waren sonderbare Menschen, anders als die in der Ebene. Auch den Windmüller Piet Himp betrachten sie mit einigen Zweifeln. Schon dass er alle Leute um Haupteslänge überragt, macht ihn auffällig. Was ihn als Müller aber geradezu verdächtig macht, ist, dass er niemals auf Wanderschaft war. Dabei heißt es doch schon in einem alten Lied, das jeder kennt: Das Wandern ist des Müllers Lust! Wenn er nicht gewandert ist, wo hat er dann sein Handwerk gelernt? „Wo hat hei liernt?“, fragen sich die Bauern. Piet Himp kennt diese Reden, doch kümmert er sich nicht darum. Er hat nicht Muße, darüber nachzudenken. Viel zu sehr ist er beschäftigt, wenn seine Mühle dröhnend mahlt und sich die Mäuse zwischen den vollen Korn- und Mehlsäcken tummeln. Wenn der Wind weht, kann der Windmüller mahlen.

Die Windmüllerei hängt eben vom Wind ab. Wer aber möchte sich nur auf den Wind verlassen? Nicht Piet Himp! Und immer wieder versucht er, den Wind für sich einzunehmen - oder ihn zu überlisten. Piet Himp ist fröhlich, jung und kräftig. Einer von denen, die ihr Handwerk verstehen, auch wenn er nicht gewandert ist. Er liebt den Erdenfleck, auf dem seine Mühle steht. Nichts treibt ihn in die Ferne. Nicht einmal der Kummer, den er manchmal mit dem Wind hat. Sein Haar ist blond wie ein Weizenfeld und so kraus und widerspenstig, dass es jeder ordentlichen Frisur trotzt. Selbst die Müllermütze ist nicht imstande, es zu verbergen, überall lugt es hervor, ringelt sich in den Nacken und um seine Ohren. Krause Haare - krauser Sinn, sagen die Leute im Dorf und betrachten alles, was Piet Himp betreibt, misstrauisch. Doch ihr Korn lassen sie trotzdem am liebsten bei ihm mahlen! Kein Müller weit und breit mahlt so feines Mehl wie er, hat so gut geschärfte Mahlsteine.

Piet Himps Mühle ist, wie überall gebräuchlich, eine Bockwindmühle. Ihr von Sonne und Wind schwarzbraunes hölzernes Mühlenhaus ruht auf einem ebensolchen, sehr kräftigen Bockgerüst. Und eine solche Mühle muss der Müller am Sterz, einem starken Balken, der vom unteren Mühlenhaus aus ins Freie ragt, auf ihrem Bock herum in den Wind drehen. Piet Himp macht diese Arbeit keine Mühe. Er ist stark wie ein Bär. Aber zunehmend ärgert ihn, dass der Wind die Richtung so häufig wechselt. Dann muss der Müller seine Arbeit unterbrechen, aus dem obersten Stockwerk der Mühle in das unterste hasten. Er muss zur Mühlentür hinaus, die Mühlentreppe hinunterspringen, ein Stück über den Mühlenberg laufen, endlich seine Mühle am äußersten Ende des Sterzes fassen, um sie erneut in den Wind zu drehen. Was für ein Aufwand! Und eines Tages hat Piet Himp genug davon. Er setzt sich auf die Mühlentreppe und überlegt, wie er das ändern kann. „Ich müsste mich mit dem Wind anfreunden“, sagt er, „vielleicht lässt er sich durch ein Geschenk überreden, möglichst gleichmäßig aus ein und derselben Richtung zu blasen. Dieses häufige Umspringen hält mich doch sehr von der Arbeit ab.“

Piet Himp versucht es mit zwei Scheffeln besonders fein gemahlenem Roggenmehl. Versuch macht klug, denkt er und füllt die beiden Scheffel in einen nagelneuen Sack. Den bindet er fest zu und schafft ihn hinaus auf den Mühlenberg. Den Wind aber interessiert das Roggenmehl nicht. Auch wenn es noch so fein gemahlen ist. Der aufrecht stehende, dicke Sack aber freut ihn sehr. Gleich beginnt er in vollem Lauf über ihn hinwegzuspringen. Er hüpft über ihn hin und hüpft über ihn her. Mit dem Springen mag er gar nicht mehr aufhören.

Die Mühlenflügel aber kommen völlig aus dem Takt. Sie drehen sich nach links - sie drehen sich nach rechts - und wieder nach links - und wieder nach rechts. „Verflixt und zugenäht!“, schimpft Piet Himp in seiner Mühle. „Jetzt hat er schon wieder gedreht!“ Er hastet hinaus, springt die Treppen hinunter, läuft über den Mühlenberg, ergreift den Sterz an seinem hinteren Ende, schaut zu den Mühlenflügeln auf und traut seinen Augen nicht. Die Mühlenflügel sausen in Richtung West! Dann zurück in Richtung Ost! Und wieder nach West - und wieder nach Ost! Piet Himp starrt empor.“

Erst im letzten Jahr brachte Claus Göbel bei der EDITION digital sein Buch „Ein Leben in drei Deutschlands. Deutsch-deutsche Geschichte in persönlichen Erlebnissen und Geschichten“ heraus und zwar sowohl als E-Book wie auch als gedrucktes Buch: Schon wieder ein Buch über die DDR und die Wende? Was soll das? Es ist doch schon alles gesagt! Warum also noch dieses Buch? Claus Göbel, 1938 in einem sächsischen Dorf geboren und aufgewachsen, ist ein Kind dreier Deutschlands. Er hat sieben Jahre im Nationalsozialismus des Deutschen Reiches, 40 Jahre in der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik und 27 Jahre in der kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland gelebt. Als Zeitzeuge dieser unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen erzählt er lustige und weniger lustige Geschichten und Anekdoten über persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, die nahezu alle einen politischen Hintergrund aufweisen; gewissermaßen deutsch-deutsche Geschichte in Geschichten. Den jungen Lesern, welche diese Zeiten selbst nicht erlebt haben, bringt er die vergangenen 74 Jahre aus einem ganz persönlichen Blickwinkel näher und trägt damit zu einem tieferen Verständnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge in den drei Deutschlands bei. Ältere Zeitgenossen hingegen werden sich durch seine Geschichten verstanden fühlen oder ganz andere Erfahrungen gesammelt haben. Wie auch immer: Wenn die Lektüre dieses Buches ältere Leser zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den erzählten Geschichten und zum Nachdenken über ihr eigenes Leben in diesen Zeiten anregen kann, wäre das wichtigste Ziel dieses Buches erreicht. Hören wir als erstes die Geschichte über eine wunderbare Rettung unter der Überschrift „Wenn die Madonna reden könnte“:

„Die Schriftstellerin Ruth Seydewitz veröffentlichte im Jahre 1962 im Urania-Verlag Leipzig/Jena/Berlin ein Buch mit obigem Titel, in dem die dramatischen Ereignisse um die Rettung der wertvollsten Gemälde der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister aus dem Cottaer Tunnel eindrucksvoll beschrieben sind. Auf Drängen Dresdner Kunstsachverständiger wurden bereits im Sommer 1944 die ersten Gemälde aus Dresden in den Cottaer Tunnel und auf die Albrechtsburg in Meißen ausgelagert. Als kurz vor Kriegsende die Albrechtsburg von den Nazis zur Festung erklärt wurde, brachte man die dortigen Gemälde in einer Nacht- und Nebel-Aktion in den Cottaer Tunnel und in einen alten Kalksteinbruch bei Pockau-Lengenfeld im Erzgebirge, um sie vor den Wirren des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges zu schützen.

Unter den wertvollen Bildern, die in den Tunnel gebracht wurden, befand sich auch die weltberühmte Sixtinische Madonna von Raffael. Die Madonna, zu jeder Zeit der Superstar der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, ist mit vielen Superlativen bedacht worden. Zweifellos zu den schönsten und berühmtesten Gemälden der Welt gehörend, ist die Madonna auch schon als das „meistgefeierte und erhabenste Kunstwerk der gesamten Menschheit“ (Ruth Seydewitz, 1962) bezeichnet worden. Und dieses einzigartige Gemälde überlebte das Kriegsende in einem feuchten, unwirtlichen und unzureichend geschützten Eisenbahntunnel unterhalb von Cotta! Was würde uns die Madonna wohl heute über die damaligen dramatischen Ereignisse berichten?

„Ich wurde Ende April 1945, also wenige Tage vor Kriegsende, auf einem Lastkraftwagen von der Albrechtsburg in Meißen in einen kalten und feuchten Tunnel gebracht. Man hatte mich relativ sicher in eine Holzkiste eingepackt und mich dann in der Kiste in einem Eisenbahnwaggon im Tunnel abgestellt. Damit ich nicht zu nass werde und frieren muss, wurde ich gewärmt und trockengehalten. Einige Tage später aber wurde es sehr kalt und feucht um mich. Ich wurde krank. Und nur weil kurze Zeit später meine Retter kamen, die mich aus der Holzkiste befreiten, trockneten und wärmten, wurde ich wieder gesund. Ich ging dann auf eine lange Reise in eine große Stadt, wo ich liebevoll gepflegt und vollständig geheilt wurde. Danach brachte man mich glücklicherweise an den Ort zurück, an dem ich seit 1754 zu Hause bin und wo ich mich am wohlsten fühle – nach Dresden!“ – So etwa könnte die Sixtinische Madonna heute zu uns sprechen!

Die anderen wertvollen Gemälde sind in einer 32 Meter langen Holzbaracke untergebracht worden, die im Tunnel neben dem Eisenbahnwaggon stand. Als die Rote Armee immer näher kam, „sprengten SS-Truppen die Überlandzentrale in Pirna, so dass der Strom aussetzte und die Wärme- und Entlüftungsanlage im Tunnel nicht mehr funktionierte. Tropfen um Tropfen der durch das Gestein sickernden Feuchtigkeit fiel auf das Dach des Waggons und auf die Dachpappe der Holzbaracke. Es dauerte nicht lange, da drang die Nässe auch durch die Baracke und hinterließ ihre Spuren auf den Gemälden“ (Ruth Seydewitz). Die zur Bewachung des Tunnels eingesetzten deutschen Soldaten zogen bei Kriegsende ihre Uniformen aus, suchten das Weite und überließen die beiden zur Pflege und Überwachung der Gemälde verbleibenden Dresdner Restauratoren ihrem Schicksal. Diese mussten hilflos zusehen, wie sich der Zustand der wertvollen Gemälde von Tag zu Tag verschlechterte. Nach der Kapitulation entschlossen sich die Restauratoren, die nächstgelegene Kommandantur der Roten Armee aufzusuchen und um Hilfe für die Kunstschätze im Tunnel zu bitten. Und schon kurze Zeit später lief die Rettungsaktion durch die Rote Armee an.

Uns Dorfbewohnern wurde dieses dramatische Geschehen erst bewusst, nachdem ein Rettungstrupp der Sowjetarmee unter dem Kommando von Leutnant Rabinowitsch und der Kunstsachverständigen Major Sokolova die Gemälde am 14. Mai 1945 im Tunnel gefunden und sofort ins Schloss Pillnitz bei Dresden gebracht hatte. Dort wurden die Gemälde notdürftig versorgt, danach nach Moskau transportiert und von Restauratoren des Staatlichen Puschkin-Museums für bildende Kunst restauriert.

Im Rahmen eines Staatsabkommens zwischen der DDR und der UdSSR sind die Gemälde im Jahre 1955 an die DDR zurückgegeben und wieder nach Dresden gebracht worden. Diese großherzige Tat werden die Dresdner der Sowjetunion niemals vergessen. Seitdem bezaubert die einzigartige Madonna in der Sempergalerie in Dresden wieder hunderttausende Besucher aus aller Welt.

Im Jahre 2012 wurde der 500. Jahrestag der Entstehung des Gemäldes mit der Sonderausstellung „Die schönste Frau der Welt wird 500! Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild feiert Geburtstag“ begangen. Als ich während dieser Ausstellung wieder vor ihr stand, erinnerte ich mich an ihre wohl düsterste Zeit in ihrem 500-jährigen Leben. Dabei ging mir das Herz auf, und ich war glücklich, dass die damalige gefährliche Situation im Cottaer Tunnel ihrer überirdischen Schönheit und einzigartigen Ausstrahlung nicht geschadet hat.

In der Sächsischen Zeitung vom 15.12.2005 wird über Bemühungen berichtet, den Cottaer Tunnel als Touristen–Magnet herzurichten. Der Tunnel hätte eine hohe historische Bedeutung und besäße ein beachtliches touristisches Potenzial, wurde geschrieben. Leider sind diese Bemühungen am schlechten inneren Zustands des Tunnels und am fehlenden Geld gescheitert!“ Und noch eine weitere Geschichte aus dem Buch Claus Göbel, in der er über das bereits erwähnte Cotta berichtet, das Dorf Cotta, das kein gewöhnliches Dorf ist … :

„Das Dorf Cotta, wo ich meine Kindheit und Schulzeit verbrachte, ist kein gewöhnliches Dorf. Cotta ist ein berühmtes sächsisches Dorf. Unterhalb des 391 m hohen Basalt-Bergs „Cottaer Spitzberg“ gelegen, wurde dieser Ort vor allem durch seine Sandsteinbrüche im Lohmgrund bekannt. In diesen Steinbrüchen wird seit Jahrzehnten der feinkörnige, hellgelbe, relativ weiche und deshalb als Bildhauer-Sandstein besonders geeignete Cottaer Sandstein gebrochen. Viele Skulpturen und Verzierungen an den historischen Bauwerken Dresdens und anderer europäischer Städte sind ohne den Cottaer Sandstein nicht denkbar. Ob beim Bau des barocken Palais im Großen Garten, des Zwingers oder der Frauenkirche, überall in Dresden ist Sandstein aus Cotta als Bildhauer-Sandstein verwendet worden.

Vor einigen Jahren nahm ich an einer Führung durch die Sehenswürdigkeiten Potsdams teil, als am Neuen Palais eine Kunsthistorikerin beiläufig darauf hinwies, dass alle Skulpturen am Neuen Palais in Potsdam aus Cottaer Sandstein gefertigt worden sind. Vor Stolz schwoll mir regelrecht die Brust. Und nachdem ich mich ihr gegenüber als geborener Cottaer zu erkennen gegeben hatte, ergänzte sie: „Ich war erst vor wenigen Wochen in Ihrem Sandsteinbruch, um mich direkt vor Ort über die Technologie des Sandstein–Abbaus zu informieren. Es war hochinteressant!“– Hallo, dachte ich, was für eine angenehme Überraschung!

Unser Dorf weist noch eine weitere Berühmtheit auf, den Cottaer Tunnel. Um diesen 252 Meter langen Eisenbahntunnel, der von 1894 bis 1957 die Sandsteinbrüche im Lohmgrund mit der ehemaligen Eisenbahnstrecke Pirna – Groß-Cotta verband, gab es kurz vor Kriegsende ein großes Geheimnis. Wir Dorfbewohner ahnten, dass dort etwas sehr Wertvolles versteckt wird, wussten aber nichts Genaues. Erst nach Kriegsende wurde das Geheimnis gelüftet. Doch das ist eine besondere Geschichte!“ Und diese Geschichte haben wir gerade gehört. Wer sie übersprungen haben sollte, der gehe noch einmal einen Text zurück.

Erstmals 1985 konnten die Leser die Bekanntschaft mit dem im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik erschienenen Buch „Bergers Ehe“ von Ulrich Völkel machen: Bergers Ehe droht nach zwölf Jahren zu zerbrechen, sozusagen von einem Tag zum anderen. Der Anlass dazu ist eigentlich nichtig. Während eines gemeinsamen Urlaubs erfährt Katja, dass ihr Mann versetzt werden soll. Warum hat er ihr das bisher verschwiegen? Kurt Berger ist Offizier der Volksmarine und wollte erst nach den Ferien mit seiner Frau darüber sprechen. Mangelndes Vertrauen oder Rücksichtnahme? Katja bricht den Urlaub ab und fährt am nächsten Morgen nach Hause ...

Ulrich Völkel erzählt in seinem Roman die Geschichte zweier Menschen, die aus Liebe geheiratet und alle Schwierigkeiten des Lebens bisher zusammen gemeistert haben. Und doch muss es etwas geben, was die Harmonie ihrer Gemeinsamkeit getrübt hat, fast unmerklich, aber sich nach und nach summierend, bis es zum Bruch zu kommen droht. Mit bohrenden Fragen, Lebenserfahrung und Geduld untersucht der Autor ein Problem der jüngsten Vergangenheit. Er spielt sich nicht als Richter auf und gibt schon gar keine Rezepte. Warum läuft Bergers Ehe Gefahr, nach so langer Zeit zu scheitern? Die Antwort bleibt dem Leser ebenso überlassen wie die Frage nach dem Ausgang der Geschichte: Werden die beiden noch einmal einen neuen Anfang finden? Zunächst aber fahren die beiden Bergers erst mal gemeinsam in den Urlaub. Und wir befinden uns ganz am Anfang des Buches von Ulrich Völkel, am Beginn seines 1. Kapitels:

„Die erste Woche ihres Urlaubs auf Hiddensee ging zu Ende. Wie an allen Abenden spazierten Kurt und Katja Berger auch an diesem nach dem Essen hinüber zum kleinen Hafen, um zu sehen, wie die Schiffe von Stralsund kamen oder zurückfuhren dorthin. Die Tagesausflügler verließen die Insel. Wer auf dem Festland gewesen war, kehrte heim.

Überraschend für beide, hatte Katja diesen Ferienplatz auf der Insel Hiddensee für den August bekommen, allerdings nur für zwei Personen. Es wäre das erste Mal gewesen, dass sie ohne die Kinder fahren würden. Katja zögerte. Kurt sagte: „Frag deine Eltern. Richtigen Urlaub könnten wir schon mal gebrauchen.“ Sie blickte auf. War er es nicht, der sonst immer gesagt hatte, er habe viel zu wenig von den Kindern und wolle deshalb nicht auch noch im Urlaub auf sie verzichten? Wenn es nicht Hiddensee gewesen wäre, sie hätte den Platz zurückgegeben.

Sie rief ihre Mutter an. „Natürlich nehme ich die beiden“, sagte die. „Spannt mal richtig aus. Ihr könnt es gebrauchen.“ Katja brachte Rolf und Astrid nach Potsdam. Denen würden die Eltern nicht fehlen, das wusste sie. Ihr die Kinder dagegen sehr. Schon auf der Rückfahrt nach Peenow, allein im Auto, dachte sie mit einem unerklärlichen Schuldgefühl an sie, als ob sie die beiden verraten hätte. Unsinn natürlich, man konnte ihnen keine größere Freude machen, als sie drei Wochen zu den Großeltern zu geben. Dennoch, Katja empfand so.

Kurt begriff sie nicht. Er versuchte Katjas Bedenken zu zerstreuen und redete davon, wie gut es ihnen beiden täte, wirklich einmal Zeit füreinander zu haben. So alt seien sie noch nicht, dass ihnen außer Halma spielen nichts mehr einfiele, wenn sie allein wären. „Außerdem“, meinte er, „gibt es nicht ein paar Dinge, über die wir mal in Ruhe miteinander reden sollten?“ Sie sah ihn überrascht an. Ja, die gab es. Und wenn er selbst das Gefühl hatte, dass in ihre Ehe zu viel Alltäglichkeit geraten war, dann konnte Hiddensee wirklich etwas Besonderes für sie werden. Katja lehnte sich an ihren Mann, der die Arme um sie legte. „Es wird uns guttun, Mädchen, bestimmt.“

Den Wagen stellten sie in Stralsund auf den Parkplatz. Viel Gepäck hatten sie nicht mitgenommen. Um acht Uhr legte das Schiff ab, das sie auf die Insel bringen sollte. Sie genossen die Überfahrt. Blickten sie nach vorn, sahen sie die Insel Rügen. Linker Hand, noch unscharf, tauchten die Höhenzüge Hiddensees aus dem Wasser. Schauten sie zurück, versank die reizvolle Silhouette Stralsunds im Meer. Die Kuppeln der Kirchen blinkten in der Morgensonne. Eine leichte Brise wehte den Fahrgästen ins Gesicht.

Sie waren zum Vordeck gegangen. Es bedurfte nicht vieler Worte, um einander mitzuteilen, wie tief sie die Bilder in sich aufnahmen und wie groß ihre Freude auf den Urlaub war. Das Schiff steuerte in einem großen Bogen Neuendorf an. Auf den Pfählen, die die Fahrrinne markierten, saßen Möwen, die, näherte sich ihnen der tuckernde Dampfer, mit lässigen Flügelschlägen abhoben, um sich dem kreischenden Pulk anzuschließen, der ständig das Schiff umkreiste. Sie schnappten Kekse und Wurstreste im Fluge auf, jagten einander die besten Stücke ab und segelten gemächlich zurück auf ihren Pfahl.

Der Dampfer machte in dem kleinen Hafen von Neuendorf fest. Die Insel war an dieser Stelle so schmal, dass man glaubte, die andere Seite mit einem Steinwurf erreichen zu können. Das Land lag flach, als wäre es gerade aus einer Welle aufgetaucht und würde von der nächsten wieder überflutet werden. Den Häusern des kleinen Fischerdorfes sah man den neu erworbenen Reichtum ihrer Besitzer an. Was vor Kurzem noch Ställe oder Scheunen gewesen sein mochte, hatte jetzt einen hellen Anstrich erhalten und war mit großäugigen Fenstern versehen. Es gab keine festen Straßen in Neuendorf. Man hatte den Eindruck, die Häuser wären von der Hand eines Riesen ausgestreut, so unregelmäßig standen sie beisammen.

Halbwüchsige waren mit zweirädrigen Karren gekommen, um den Urlaubern ihre Koffer in die Quartiere zu fahren. Ein einträgliches Geschäft. Das Geld saß den Inselbesuchern bei der Ankunft locker. Kurt hob den Koffer und die Reisetasche auf ein solches Gefährt, sagte dem Jungen, wo sie wohnen würden, und gab ihm zwei Mark. Der nickte, bedankte sich aber nicht, sondern lud noch weitere Gepäckstücke auf und schob den Karren wortlos davon.

Sie ließen sich den Weg zur Einweisungsstelle zeigen, bezahlten die Kurtaxe, mieteten einen Strandkorb, erhielten ihre Essenbons und konnten dann das Zimmer beziehen. Es befand sich im Anbau eines Hauses, das kleiner war als der Anbau selber. Sehr geräumig war das Zimmer nicht, die Einrichtung dürftig. Das Wasser floss aus dem Waschbecken in einen Plasteeimer. Zwei schmale Betten, über Eck gestellt, ein Schrank, ein Tisch, zwei altersschwache Stühle. Schaufel, Besen und Handfeger, lasen sie in der Mitteilung des Besitzers, könnten in der unteren Etage, Vorraum, ausgeliehen werden. Unbedingt nach Benutzung zurückbringen! Es stand ein ganzer Katalog von Verhaltensmaßregeln auf dem von einer durchsichtigen Folie geschützten Blatt. Zur freundlichen Beachtung! Erstens, zweitens, drittens und so weiter. Hinter jedem Hinweis ein Ausrufezeichen. Vermutlich war es gar nicht so bärbeißig gemeint. Die Leute glaubten wohl nur, es müsste so sein. Sie lasen es nirgendwo anders.

Kurt und Katja kümmerten sich nicht weiter um die Feriendienstordnung. Sie hatten aus den Fenstern geschaut und waren mit der Unterkunft zufrieden. Zu beiden Seiten erblickten sie das Meer, als schlügen seine Wellen gegen die Hausmauern. Das Zimmer lag am Nordende des Anbaus. Die Sonne würde sie am Morgen wecken, und ihren Untergang konnte man abends aus dem anderen Fenster beobachten. Der Ausblick entschädigte sie für die Dürftigkeit des Raumes. „Hier schlafen wir bloß“, sagte Kurt, der ohnehin nicht verwöhnt war, was Räumlichkeiten betraf. „Wir haben das grüne Zimmer und den blauen Salon, die Insel und das Meer zu beiden Seiten.“

Sie nutzten den ersten Tag, um den Ort kennenzulernen, ihre Gaststätte, den Konsum, Post, Buchladen, Getränkestützpunkt. Das war in einer Stunde geschehen. Nach dem Essen liefen sie zum Westufer der Insel, hielten sich nicht lange im Strandkorb auf und gingen ins Wasser. Ihr Urlaub hatte begonnen.“

Zwei Jahre nach „Bergers Ehe“, also 1987, erschien erstmals im Kinderbuchverlag Berlin die Bilderbuchgeschichte aus Härjedalen „Der Riese vom Storvalen“ mit Text und Fotos von Wolf Spillner: Björn-Eyvind lebt mit seinen Eltern einsam in den Bergen. Er hat einen weiten Weg zur Schule, im Winter auf Skiern, im Sommer mit dem Fahrrad. Aber er ist schon groß, er geht schon in die 2. Klasse. Viele Tiere kann er auf dem Schulweg beobachten: Rentiere, balzende Auerhähne, die drolligen Brushähne. Gern besucht er seinen Freund Rune Axelson. Rune ist ein Bauer und hat vor sein Anglerhaus ein Schwein abgelegt, als Winterfutter für den Adler. Doch plötzlich kommt ein Riese den Berg hinab. Björn-Eyvind läuft und läuft, bis ihm die Beine versagen. Und so geht die Bilderbuchgeschichte von Wolf Spillner los, warum Björn-Eyvind so gut Skilaufen kann:

„Der Riese vom Storvalen
Björn-Eyvind will einmal Weltmeister im Skilaufen werden. Oder vielleicht doch lieber Tierforscher. Er hat krause, schwarze Haare und blaue Augen. Wie seine Mutter Anna. Sein Vater Bengt ist blond. Alle drei wohnen sie hinter diesen hohen Bergen, in der Landschaft von Härjedalen. Dort ist Björn-Eyvind dem Riesen begegnet, an einem Tag im Mai.

Der Riese kam von dem Fjäll herab, das Storvälen genannt wird. Ein Fjäll ist ein Berg, auf dem der Wind so kalt und so rau weht, dass keine Bäume wachsen können. Rings um das Tal, in dem Björn-Eyvind und Anna und Bengt zu Hause sind, gibt es viele solcher Fjällberge, und dreißig von ihnen sind mehr als tausend Meter hoch! Deshalb sagen die Leute in Björn-Eyvinds Heimat: Wir leben auf dem Dach von Skandinavien. Damit geben sie ein bisschen an, aber wirklich nur ein bisschen. Denn so viele Tausendmeterberge dicht beieinander wie in Härjedalen gibt es sonst nirgends in ihrem großen Land Schweden.

Die Winter in Härjedalen sind lang und hart. Björn-Eyvind ist sieben Jahre alt, und bald wird er acht. Er geht schon in die zweite Klasse. Er muss ein guter Skiläufer sein, denn sein Weg zur Schule ist weit. Seit ein paar Tagen wird es Frühling. Nun kann er mit dem Fahrrad fahren. In der letzten Nacht hat es lange geregnet. Das Eis auf dem See ist grau und brüchig geworden. Es hat schwarze Risse. Die Berge haben noch weiße Kappen, doch das Tal ist schon schneefrei. Über den Felsklippen brüllt das Schmelzwasser. Das Eis im Fluss ist aufgebrochen. An seinem Ufer ziehen die Rentiere entlang. Sie schaukeln ihre großen Bastgeweihe über die Wiesen. Als Björn-Eyvind mit dem Fahrrad von der Schule kommt, laufen sie zum Fjäll hinauf. Doch die Rene kehren gleich wieder um. Ach, denkt Björn-Eyvind, sie finden noch nichts zu fressen da oben. Und ihm fällt ein, dass er Rune Axelson einen Besuch machen sollte. Er muss ihn fragen, ob der Adler noch immer kommt.

Rune Axelson ist sein Freund. Am Fluss Tännan hat er einen Bauernhof mit drei Kühen und einem Stall voller Schweine. Dort liegt auch das Moor, und auf der anderen Seite beginnt der Bergwald. Darüber reckt sich der Storvalen auf. Von dort kommt der Adler. Er kommt bis an das rote Anglerhaus am Waldrand vor dem Bach. Bauer Rune hat nämlich ein Schwein für den Adler geschlachtet und zum Anglerhaus gebracht. Der Adler soll im harten Winter genug Fleisch zu fressen haben und nicht hungern müssen. So ein Mann ist dieser Rune Axelson. Erst sind nur die schlauen Raben gekommen. Sie haben das Schwein lange beäugt. Endlich hat auch der Adler etwas gemerkt. Er flog in die hohe Kiefer und saß einen ganzen Tag lang still auf einem Ast. Dann ist er fortgeflogen. Aber am nächsten Tag kam er wieder vom Storvalen herab und hat sich das Schwein angesehen. Die Raben fraßen schon von dem Fleisch, das Rune für ihn in den Schnee gelegt hatte. Da landete der Adler doch auf dem Futterplatz. Und dann kam er jeden Tag! Rune Axelson hat sich sehr gefreut. Er hat in seiner roten Anglerhütte, hinter der blauen Tür, gesessen und durch die Gardine gespäht. Adler sind so scheu und so selten! Björn-Eyvind hob zwei Finger und schwor, nichts zu verraten. Dafür durfte er auch hinter der blauen Tür sitzen und konnte zusehen, wie der goldbraune Adler seinen Hunger stillte.“

Und jetzt haben Sie zumindest einen kleinen Eindruck bekommen von Richard Hamilton, von Piet Himp, von Kurt und Katja Berger und natürlich auch Björn-Eyvind, den künftigen Weltmeister im Skilaufen. Und sie wissen ein bisschen mehr über Cotta, das ungewöhnliche sächsische Dorf. Apropos Cotta. So hieß auch ein berühmter deutscher Verleger, Industriepionier und Politiker, Johann Friedrich Cotta, in dessen Verlag unter anderen Goethe, Schiller und Hölderlin und nicht zuletzt Goethes berühmte Ausgabe letzter Hand erschien. Ob er vielleicht irgendwas mit unserem sächsischen Cotta zu tun hat? Schön wäre es. Aber es verhält sich offenbar anders und hat mit der Namensgebung der alten Römer zu tun. Oft hatten die regulären römischen Namen einen dritten Bestandteil, einen Beinamen, ein sogenanntes Cognomen – gewissermaßen ein Vorläufer der modernen Nachnamen. Bekannte römische Cognomina sind zum Beispiel Scipio, Caesar, Brutus oder Cicero. Und eben auch Cotta.

Aber dann finden sich bei Wikipedia doch noch zwei andere interessante Hinweise: So bezeichne Cotta auch einige Orte wie einen Stadtteil von Dresden und eben jenes bereits erwähnten Dorfes - ein Ortsteil von Dohma, Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Sachsen. Dasselbe Internet-Lexikon erklärt die Herkunft des Ortsnamens als altsorbischen Ursprungs und verweist außerdem ausdrücklich auf den gleichnamigen Cottaer Sandstein, von dem auch schon die Rede war.

Und noch was Literarisches: Cotta. So heißt auch die zentrale Figur in Christoph Ransmayrs 1988 erschienenem Roman „Die letzte Welt“. Aber auch das ist schon wieder eine andere Geschichte, eine ganz andere Geschichte …

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