Vom Kellerkind zum Werbeträger deutscher Medizin

100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Urologie
(lifePR) (Düsseldorf, ) Vom Kellerkind zum Exportschlager und Werbeträger der Deutschen Medizin – Die Geschichte der Urologie in Deutschland kommt einem modernen Märchen nahe. Moral: Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Das einstige „Schmuddelkind der Medizin“, das in Kellerräume verbannt war, hat es binnen kurzem geschafft, in vielen Bereichen an die Weltspitze des medizinischen Fortschritts zu gelangen. Dies auch gegen lang anhaltenden Widerstand aus den chirurgischen Reihen, wie Professor Dr. Peter Rathert von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) deutlich macht. Genau 100 Jahre nach dem ersten Kongress seiner wissenschaftlichen Fachgesellschaft, nimmt der Düsseldorfer Urologe und langjährige Archivar der DGU die Jubiläums-Tagung vom 26. bis 29. September 2007 in Berlin nun zum Anlass für einen historischen Rückblick: Gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Geschichte der Urologie“ der Akademie der Deutschen Urologen und 30 weiteren Autoren veröffentlicht er ein Buch über den spektakulären Aufstieg der urologischen Disziplin. Das Buch „Urologie in Deutschland. Bilanz und Perspektiven“ ist eine Jubiläumsgabe an die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Urologie und die interessierte Öffentlichkeit sowie die politischen Gremien.

War der urologisch tätige Arzt zunächst eher ein Harnbeschauer und Therapeut von Harnröhrenstrikturen änderte sich dies mit der Entwicklung des Signaturinstrumentes der Urologie. Maximilian Nitze machte vor über 130 Jahren Furore mit der Entwicklung des Blasenspiegels. Es fiel vor allem den Chirurgen schwer, die Urologie als eigenständigen Fachbereich zu akzeptieren, sagt Rathert als einer der Hüter der urologischen Geschichte. „Nitzes Erfindung, die immer weiter entwickelt und verfeinert wurde, legte den Grundstein für weitere Behandlungen vom Blasentumor, zur Steinzertrümmerung und hin zur modernen Endoskopie und der Laparoskopie, der so genannten ‚Knopflochchirurgie’ in vielen medizinischen Fachbereichen. Es war die eigentliche Geburtsstunde der modernen heutigen Urologie", sagt Rathert. Dennoch war vielen Medizinern das Gebiet zunächst weiterhin mehr als anrüchig – nicht nur wegen des Uringeruchs, der mit Blasen- und Harnleitererkrankungen durch die Katheterableitung oftmals verbunden ist, sondern auch wegen der Behandlung von sexuell übertragbaren „Tabu“-Krankheiten wie Syphilis und Gonorrhoe mit ihren Folgeerscheinungen.

1906 war jedoch ein großer Schritt geschafft: Nach langem Ringen um ihre Anerkennung gründeten 38 urologisch tätige Ärzte (Gynäkologen, Dermatologen, Internisten, Endoskopiker, urologisch tätige Chirurgen) in Stuttgart die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.. Im gleichen Jahr, so Rathert, gab es dann auch die erste offizielle Krankenhausabteilung für urologische Krankheiten unter der Leitung von Carl Schramm (1876–1949) in Dortmund. Die Therapieräume waren in der Tat in den Keller verbannt. „Harn- und Geschlechtskrankheiten“ hieß es damals, und die ersten 30 Patienten waren bis auf einen an einem Blasenstein erkrankten Patienten alle in der Folge von Geschlechtskrankheiten mit einer Harnröhrenstriktur therapiebedürftig.

Im Jahr darauf, 1907, gab es bereits den ersten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie vom 2. bis 5. Oktober in Wien, unter der Leitung von Professor Dr. Anton Ritter von Frisch. Bereits damals war es nicht nur ein Kongress der deutschsprachigen Urologen, sondern es fanden sich Teilnehmer aus zwölf Ländern ein.

Infolge der medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritte sowie der politischen Strukturen wurde endlich 1924 der Facharzt für Erkrankungen der Harnorgane in Deutschland eingeführt. An vielen Krankenhäusern entstanden große Abteilungen für Urologie, doch die Hochschulmedizin sperrte sich insbesondere auf Betreiben der Chirurgen weiterhin gegen eine akademische Etablierung der Urologie. Dennoch ließ sich der Siegeszug der Urologie nicht mehr aufhalten.

Hatte schon Nitze Ende der 1870er Jahre mit seinem Blasenspiegel Aufsehen erregt, so waren es in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche Wissenschaftler, deren Entdeckungen und neue Therapiemöglichkeiten Urologen aus aller Welt vor allem nach Berlin, Wien und Heidelberg lockten, um von deutschen Spitzenforschern und Klinikern zu lernen. Unter den Enttäuschungen und Entbehrungen der Nachkriegszeit war die Forschung in Deutschland ein Weg aus der depressiven Stimmung. Viele Männer und Frauen verschrieben sich mit Leib und Seele der Forschung und trugen zu entscheidenden Verbesserungen auch in der Urologie bei. Die hoch entwickelte Nierenchirurgie in Deutschland hatte bereits während des Ersten Weltkrieges dazu geführt, dass z.B. James Israel den Sultan in Istanbul behandelte. Alexander von Lichtenberg leitete schließlich in Berlin eine Klinik mit über 120 urologischen Patientenbetten. Mit Moses Swick, einem Gastarzt aus den USA, entwickelte er die Röntgendarstellung der Nieren mit Kontrastmitteln. Dies war eine Weltsensation, wie später die so genannte Steinmaschine (Blasenwanne) mit der berührungsfreien Zertrümmerung von Nierensteinen durch Stoßwellen. Damals war es nahezu Pflicht für alle urologisch tätigen Ärzte der ganzen Welt zur Hospitation nach Berlin oder Wien zu reisen. „Amerikaner und Russen, Franzosen, Engländer und Japaner kamen nach Berlin, diesem damaligen Mekka der Urologen“, um an den Fortschritten der Urologie teilzuhaben.

Bis 1933: Die NS-Zeit wurde auch für die Urologie zu ihrer dunkelsten Zeit. „Viele der führenden DGU-Mitglieder waren Juden und legten als Nichtarier ihre Ämter nieder. Etliche gingen ins Ausland, andere wählten schließlich den Freitod“, sagt Rathert, der auch diesen Teil der Geschichte nicht verschweigen mag und in einem neuen Licht darstellt. Die DGU entschwand aus dem Rampenlicht internationaler Kooperationen weitgehend, aber ihre Arbeit fand jetzt ironischerweise im eigenen Land die Anerkennung, die ihr weltweit seit Jahren gezollt wurde. Da der Rassenwahn der Nationalsozialisten Deutschland die meisten prominenten Urologen gekostet hatte, setzten sich nun Mediziner anderer Fachbereiche unter der Federführung von Professor Sauerbruch dafür ein, endlich ein Ordinariat für Urologie an der Charite in Berlin einzurichten. Hierzu wurde von Sauerbruch protokolliert: „Man sollte doch nicht die lukrativen Patienten wieder ans Ausland verlieren, weil die jüdischen Urologen nicht mehr da waren“. 1945 ging dieser erste Lehrstuhl (Professor Ringleb) wieder verloren.

Doch gerade die internationalen Verbindungen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg waren es, die nach dem Ende des Dritten Reiches der DGU zu einer neuen Blüte verhalfen. „Viele der Spitzenkräfte in der Urologie weltweit hatten noch die allerbesten Erinnerungen an das, was vor den Nazis in Deutschland geleistet wurde und nahmen die Freundschaft wieder auf“, sagt Rathert. „Schon der erste Nachkriegskongress 1948/1949 unter H. Boeminghaus war durch die überwältigende internationale Beteiligung und die Anzahl der Teilnehmer erstaunlich“. Aus allen Ländern reisten Urologen an, um mit ihren deutschen Kollegen wieder Erkenntnisse zu teilen. Die deutschen Urologen konnten so die Entwicklungen aus den Kriegsjahren, insbesondere aus den USA rasch übernehmen. „Und dann kam die fulminante Entwicklung der deutschen Urologie mit den perkutanen Techniken, also gewissermaßen

durch das Knopfloch in die Niere zu sehen, berührungsfreie Steinzertrümmerung und der Blasenersatzchirurgie“, so Professor Rathert. „Für die amerikanischen Kollegen war die Entwicklung der ESWL (Badewanne) ähnlich wie der Sputnik-Schock“. Wieder reisten Ärzte aus der ganzen Welt an, um von den deutschen Urologen diese Techniken zu lernen. Auf wissenschaftlichem Gebiet ist die deutsche Urologie, dem Ausland zu großen Dank verpflichtet, dass die jungen Urologen direkt nach dem Krieg in die Forschungsstätten in England und den USA durch Stipendien aufgenommen wurden. „Die deutsche Urologie, das einstige Kellerkind, ist und bleibt ein Welterfolg als Exportschlager und Werbeträger der deutschen Medizin, nicht nur mit der hoch entwickelten, feinmechanischen Industrie (Optik und Endoskope, Röntgentechnik, ESWL-Geräte), sondern auch aufgrund spezieller operativer urologischer Techniken". Belegt wird dies aufs Eindrucksvollste Jahr für Jahr auch bei den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Urologie, die inzwischen über siebentausend Teilnehmern aus aller Welt besuchen.

Der Berliner Jubiläums-Kongress, ein Jahrhundert nach dem ersten DGU-Kongress in Wien mit damals 236 Teilnehmern, wird natürlich mit besonderer Spannung erwartet. Genau wie der Jubiläumsband über die Geschichte der Urologie, der selbst für Insider überraschende Details liefert und die Ansprüche der Urologie für die Zukunft belegt und für alle Interessierten bei der DGU zu bestellen ist.

Sollen wir Ihnen den Jubiläumsband „Urologie in Deutschland. Bilanz und Perspektiven“ kostenlos zuschicken? Dann schreiben Sie uns bitte eine kurze Mail an:

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Sabine Martina Glimm
DGU-Pressestelle und Kongress-Pressestelle
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